Im Wasser versunken

September 7, 2024 | | No Comments

CHF 15.00

Chrigel Farner
Nina Wehrle / Helena Hunziker
M.S. Bastian / Isabelle L.
Fabian Meister
Lina Müller / Luca Schenardi
Martina Walther
Laura Jurt
Helge Reumann


Beschreibung

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Im Wasser versunken


Claudio Barandun und ich, Roli Fischbacher haben, in den letzten Jahren in zwei STRAPAZIN-Ausgaben das Thema Weltmeere ins Blickfeld gerückt, in der Nr. 142 zeugten Unterwasserwelten und in Nr. 149 Grosse Schiffe von unserer Leidenschaft. Auch in der vorliegenden Ausgabe von STRAPAZIN spielen die Geschichten wieder unter und über dem Wasser, aber in einem ganz anderen Kontext: Was geschieht, wenn der Mensch bewusst Landschaften, Dörfer, ja, ganze Städte unter Wasser setzt? Und was ist mit den Menschen geschehen, die vom Wasser aus ihrer Heimat vertrieben wurden? Ist deren einstige Welt jetzt von Gespenstern belebt, die mit ihrem Schicksal hadern? Was treiben die einsamen Geister in den Fluten, wer bewohnt die versunkenen Häuser, Fabriken, Kirchen und Bauernhöfe?
Inspirationen zu diesem Thema sammelte ich auf Reisen nach Reschen, am Länderdreieck Schweiz-Österreich-Italien, denn am Reschenpass gab es bis zum Bau einer Talsperre 1950 drei Seen: den Reschensee, den Mittersee (auch Grauner See genannt) und den heute noch selbstständigen Haidersee. Bei der Stauung, die den alten Reschensee und den Mittersee vereinte, versanken das gesamte Dorf Graun und ein Grossteil von Reschen in den Fluten. Insgesamt wurden 163 Häuser, und 523 Hektar fruchtbaren Kulturbodens überflutet. Heute zeugt nur noch der aus dem Reschensee ragende Kirchturm von Alt-Graun davon. Dass es auch in der Schweiz geflutete Dörfer und Weiler gibt, war mir schon vor dem Mystery-Film Marmorera bekannt. Die 29 Wohnhäuser und 52 Ställe des Dorfs Marmorera, am Weg zum Julierpass gelegen, fielen 1954 einem Stausee zum Opfer. Mit dem Bau des flächenmässig grössten Stausees der Schweiz, dem Sihlsee bei Einsiedeln, wurde 1932 begonnen, fünf Jahre später wurde das Tal geflutet. 55 Bauernhöfe verschwanden, 1762 Menschen mussten dem See weichen; mehrere ihrer Erwerbsgrundlage beraubten Familien wanderten in die USA aus, wo wiederum beim Bau des Hoover-Damms, 1938, ein Stausee entstand, der Lake Mead, auf dessen Grund die Stadt St. Thomas liegt, die 1865 von Mormonen gegründet worden war. In Russland wurde unter Stalin in den Jahren 1935 bis 1940 nahe Kaljasin, 200 km nördlich von Moskau, ein neues Wasserkraftwerk geplant. Hierzu wurde die Wolga gestaut, was zur Vernichtung von Teilen des historischen Kaljasiner Stadtgebietes führte. Lediglich der Glockenturm der Nikolaus-Kathedrale ist bis heute als Ruine erhalten und steht auf einer kleinen Insel im Stausee. Der mitten im Wasser stehende Turm gilt heute als Hauptsehenswürdigkeit Kaljasins. Ein Kirchturm ragt auch in Petrolandia aus dem Wasser, der nahe des Flusses São Francisco gelegenen Stadt in Brasilien, seit der Luiz-Gonzaga-Damm gebaut wurde. In der Türkei wird durch die Aufstauung des Ilisu-Damms zurzeit die über 10 000 Jahre alte Stadt Hasankeyf am Tigris zerstört. Und vergessen wir nicht die Drei-Schluchten-Talsperre in China, für die bis zu zwei Millionen Menschen umgesiedelt wurden. Seit der Fertigstellung 2009 liegen ganze Städte, unzählige Dörfer und Fabriken unter Wasser. Eine ökologische, soziale und kulturelle Katastrophe.
In dieser Ausgabe von STRAPAZIN soll der Versuch unternommen werden, den vertriebenen Menschen und Tieren, den versunkenen Landschaften und Kulturen die hier versammelten Geschichten zur Seite zu stellen, damit sie nicht ganz in Vergessenheit geraten.

Roli Fischbacher


 
 
 

DAS GESCHRIEBENE WORT

Die Ballade vom Untergang der Stadt Vineta

 
 

PFLICHT LEKTüRE


Appupen, Laurent Daudet: «Dream Machine oder wie ich meine Seele beinahe an die künstliche Intelligenz verkauft hätte».

Mark Russel, Richard Pace: «Second Coming»

Ika Sperling: «Der grosse Reset»

Franz Suess: «Drei oder vier Bagatellen»

 
 

Nicolas de Crécy: «Transit Visa»

Maurice Vellekoop: «I’m So Glad We Had This Time Together»

Frank Miller, Geof Darrow: «The Big Guy and Rusty the Boy Robot»

Eric Schwarz: «Ein bisschen Freiheit»

 
 

Akane Torikai: «Saturn Return»

Ai Weiwei, Elettra Stamboulis, Gianluca Costantini: «Zodiac. Mein Leben — meine Kunst»

Patrick Wirbeleit & Matthias Lehmann: «Ich und Tod Detektei»

Icinori: «Merci»

Tobi Dahmen: «Columbusstrasse»

 
 

Mikael Ross: «Der verkehrte Himmel»

Tobias Hoffmann, Hg.: «PGH Glühende Zukunft. Zeichnungen, Plakate, Eigensinn»

 
 

BIOGRAFIEN/LINKS

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