KACKE
CHF 20.00
Elizabeth Pich
Ida Künzle
Kamagurka
Storyof
Ivano Talamo
Christoph Abbrederis
Zhenya Oliinyk
Noah Liechti
Karoline Schreiber
Yves Noyau
Peter Bäder / Christoph Schuler
Beschreibung
No:163
Elizabeth Pich
Ida Künzle
Kamagurka
Storyof
Ivano Talamo
Christoph Abbrederis
Zhenya Oliinyk
Noah Liechti
Karoline Schreiber
Yves Noyau
Peter Bäder / Christoph Schuler
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EDITORIAL

Scheisse!
Was den Köper als Produkt der Verdauung verlassen hat, wollen wir möglichst schnell und geruchfrei hinter und unter uns lassen. Deshalb gilt eine Zivilisation, die zur raschen Fäkalien-Entsorgung ein komplexes architektonisches System verwirklicht, durchaus als beeindruckend. Die Römer*innen hatten dies, aber auch ein weit zwangloseres Verhältnis zum Kacken als wir, schissen sie doch manchmal gemeinsam in bis zu 80 Personen fassenden Grosslatrinen. Die Tabuisierung des Furzens und Scheissens ist eine Erfindung der Neuzeit. Wobei zu sagen ist, dass Kinder meistens entspannter und kreativer mit den braunen Würsten umgehen als Erwachsene. Ich erinnere mich, wie wir einst, die Taschen voller Knaller, wie man sie heute nur noch in Polen ohne Waffenschein bekommt, von einem Haufen Hundekacke zum andern liefen, um sie zu sprengen, so dass Nachbarskinder und zufällig vorbeiflanierende Passant*innen mit stinkenden Sommersprossen bedacht wurden. Oder wir kackten auf eine Zeitung, legten eine zweite Zeitung drauf und gingen, begleitet von einer kichernden Kinderschar, mit dem Kacke-Paket zu einem nicht so beliebten Nachbarn. Dort zerknüllten wir die obenliegende Zeitung, zündeten sie an, klingelten und rannten um die nächste Ecke. Der Nachbar kam raus, sah die brennende Zeitung und versuchte, die Flammen mit seinen Füssen zu löschen. Wir lachten, bis wir uns die Hosen voll kackten. Wer nicht lachte, waren der olle Nachbar und unsere Eltern. Typisch.
Trotzdem hoffe ich, dass die hier versammelten Geschichten unsere erwachsene Leserschaft zum Lachen bringen werden. Wenn nicht – scheiss drauf!
Christoph Schuler
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Danke!
Dass wir diese (ziemlich beschissene) Ausgabe von STRAPAZIN produzieren konnten, verdanken wir all denen, die uns über die Crowdfunding-Website wemakeit.com einen Geldsegen unerwarteten Ausmasses haben zukommen lassen.
Danke! Danke! Danke!
Wir sind echt geplättet von so viel Grosszügigkeit und hoffen, Sie, liebe Leser*innen und/oder Unterstützer*innen, die kommenden Jahre mit vielen weiteren Ausgaben von STRAPAZIN unterhalten, provozieren und enervieren zu können. Make Comics, Not War!
Sehr herzlich
Die STRAPAZIN-Redaktion
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PS: In der „Hall of Fame“ sind diejenigen aufgelistet, die uns unterstützten und namentlich erwähnt werden wollten.
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Illustration: Luigi Olivadoti
DAS GESCHRIEBENE WORT
Wolfgang Bortlik
Schund und Schiet wäre der Name einer Buchreihe gewesen, die ich in den 1990er-Jahren bei einem Hamburger Verlag lancieren wollte. Vorgesehen waren Werke der Science Fiction und Krimis, aber auch lustiges Zeug von ver(w)irrten Jugendlichen sowie abseitige Schriften von Klassiker*innen der letzten paar Jahrhunderte – halt Texte, die beim Lesen Spass machen und doch auch Wissen und intellektuellen Mehrwert bringen, ohne dass man sie gleich in ein Büchergestell aus altdeutscher Eiche stellen muss.
Schund und Schiet war selbstverständlich ironisch gemeint, denn der echte Mist waren und sind diese zähen Romane über kranke Lehrer und halbgesunde Hausfrauen, die alle furchtbar leiden und jammern. Diese Kackbücher aus Betroffenheit und Langeweile beherrschten damals den literarischen Markt, mit denen machte der Buchhandel das meiste Geld und damit verdienten sich viele durchaus sympathische Menschen ihre belegten Brötchen.
Also wurde nichts aus einer wirksamen Fäkalienbekämpfung. Und ganz nebenbei, Langeweile und Betroffenheit regieren auch heute noch in der Literatur.
Was ist eigentlich ein Kackbuch?
Woran erkennt man denn ein Kackbuch? Ganz einfach: Wenn du auf Seite 38 mit der Lektüre bist und dir erneut stumm die Frage stellst: Was lese ich da, was ist das eigentlich für ein Scheiss? Dann hast du es ziemlich sicher mit einem Kackbuch zu tun. Vertraue auf dein eigenes Urteil und lass alle Hoffnung fahren, dass sich der Text des Buches auf den restlichen 352 Seiten nochmals zusammenreisst. Schmeiss das Ding in die Papiersammlung oder stelle es in den öffentlichen Bücherkasten, auf dass sich das Buch ein neues Opfer suche.
Man begegnet leider immer wieder Menschen, die einen Roman zwar einen rechten Dünnpfiff finden, aber dann doch bis zum bitteren Ende weiterlesen, statt das Buch einfach wegzuwerfen oder zumindest auf immer zuzuklappen. Das ist eine verbreitete Form der Autoritätsgläubigkeit, und ein Buch nicht fertig zu lesen, ist keinesfalls eine Art von Verschwendung. Denke nur an die unglaubliche Zeitverschwendung mit diesem Darmkatarrh-Text, währenddem du etwas wirklich Schönes, Lustiges hättest lesen können.
Der grosse Künstler Francis Picabia sagte einst sehr treffend: «Der Kubismus ist eine Kathedrale aus Scheisse». Ich sage: «Die Literatur ist sehr oft eine Wallfahrtskapelle aus Hühnermist».
«Grosse» und «seriöse» Literatur habe ich schon immer langweilig gefunden, nicht mal Identifikationspotential hatte das Zeug. Früher habe ich das auch meist auf sehr unflätige Art und Weise ausgedrückt, als ich beispielsweise die seltene Gelegenheit hatte, Fräulein Stark, einen Roman von Thomas Hürlimann, zu rezensieren. Ein Verriss Hürlimanns gilt im Buchraum Schweiz als Gotteslästerung, man macht sich so keine Freund*innen und verliert seinen kleinen Nebenjob als literarischer Lästerer.
Privat habe ich deshalb einfach die Klappe gehalten, wenn mir jemand Grass, Dostojewski, Proust, Thomas Mann oder Max Frisch als exemplarischen Lieblingsschriftsteller präsentierte.
Mit dem Alter wird man dann milder, verzeihender, abgeklärter und mosert nur noch selten herum, wenn einen etwas so schrecklich aufregt, wie der fast widerliche Hype um den Erstlingsroman Lazar von Nelio Biedermann, der letztes Jahr die deutschsprachigen Büchergestelle ins Zittern und Beben gebracht hat. Obwohl der Autor mit dem Topschreiber Thomas Mann verglichen wurde, habe ich Lazar – solange wie es ging – gelesen, 50 Seiten circa. Dann war aber das Klopapier alle!
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Kollegen unter sich
Es gibt genügend berufene Stimmen, die vor Dünnschisserzeugnissen warnen, deshalb hier eine kleine Sammlung des gegenseitigen Giftelns unter Schriftsteller*innen: «Goethe ist im Grunde nichts anderes als der Heilpraktiker der Deutschen, der erste deutsche Geisteshomöopath. Das ganze deutsche Volk nimmt Goethe ein und fühlt sich gesund. Aber Goethe ist ein Scharlatan», meinte verhältnismässig höflich der alte Grantler und Raunzer Thomas Bernhard zum deutschen Dichterfürsten.
Der 1959 erschienene Roman Die Blechtrommel sei «ein Riesenschmonzes, bei dem vor lauter Barock und Allegorie und Realismus und Vergangenheitsbewältigung und Grossmannssucht nichts, aber auch gar nichts stimmt. Die Blechtrommel ist ein Synthetikprodukt des wässrigsten Zeitgeistes, das sich zu allem Überfluss auch noch genialisch gibt.» So trommelte Eckhard Henscheid an den Autor Günter Grass, den Literaturnobelpreisträger von 1999, zurück.
Bertolt Brecht schrieb an Thomas Mann: «Es liegt in unserer Natur, dass Sie vornehm, ich unvornehm kämpfe. Sie werden mich doch nicht umbringen wollen! Aber ich Sie!».
Etwas weniger grob war Alfred Döblin, der knapp bemerkte, dass Thomas Mann die Bügelfalte zum Kunstprinzip erhoben habe.
«Es ist ein Jammer, dass viele Bücher gegen Ende abfallen. Bei Hundert Jahre Einsamkeit zum Beispiel: 80 Jahre hätten es auch getan.» Das sagt Jorge Luis Borges, noch vor Cesar Luis Menotti mein Lieblingsargentinier, über den Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez und seinen super erfolgreichen Roman, dessen Lektüre ich mir immer wieder neu ersparen konnte.
Und dann darf ich Max Frisch nicht vergessen, wegen dem ich mit Freundinnen aller Zeiten immer wieder Krach bekommen habe, weil ich seine Romane als ein trostloses, präpotentes Geseire empfinde und nicht verstehen kann, dass diese wunderbaren, emanzipierten Frauen so etwas lesenswert oder von mir aus auch toll finden.
Montauk, das ist blanker Horror, neben Hermann Burgers Brenner möglicherweise das Kackbuch Nummer eins der Schweizer Literatur.
Immerhin stand mir dann doch der famose Fritz Dürrenmatt bei, indem er bemerkte: «Max Frisch ist ein flotter Kerl, aber was er schreibt, ist manchmal ganz furchtbar. Er ist ein merkwürdiger Autor der Fehlleistungen. Nehmen Sie Biedermann und die Brandstifter, wo er die Brandgefahr als Symbol für die existentielle Bedrohung gesetzt hat. Das ist ein Stück, das einfach nicht zutrifft, denn in der Schweiz ist doch jedermann brandversichert.»
Und dann noch Vladimir Nabokov, ausgerechnet der Autor von Lolita hat nichts für Sigmund Freud übrig: «Ich lehne die vulgäre, schäbige, durch und durch mittelalterliche Welt Freuds mit ihrer spinnerten Suche nach sexuellen Symbolen und ihren verbitterten kleinen Embryonen, die von ihrem natürlichen Versteck aus das Liebesleben ihrer Eltern bespitzeln, ganz und gar ab.»
Die Toilettenbibliothek
An dieser Stelle muss die edle Einrichtung erwähnt werden, welche auf den Namen Toilettenbibliothek hört. Ich rate ganz dringend zur Einrichtung einer solchen. Auf dem Klo lesen, grossartig, oben rein und unten raus! Gerade an so einem Kraftort mischen sich die Dinge aufs Merk- und Ehrwürdigste. Und doch, die reinste Inkarnation des Kackbuches, einen Roman auf WC-Papier gedruckt, die gibt es nicht.
Im Folgenden also noch vier Buchtipps, die jetzt gerade in jede erfreuliche Klobibliothek gehören.
Frankreich im Jahr 2049: Seit 20 Jahren herrscht die absolute Transparenz. Die Städte sind nach einer digitalen Revolution umgebaut, Hausmauern durch Glas ersetzt. Sicherheit und Schutz für alle durch soziale Kontrolle, es gibt keine Verbrechen, keine häusliche Gewalt mehr. Da verschwindet ein Ehepaar spurlos aus seinem reichen Viertel. Die zuletzt praktisch arbeitslose Polizistin Hélène soll ermitteln. Sie lässt sich nicht bei ihren verstörenden Untersuchungen behindern und bald wird die Brüchigkeit des brutalen gläsernen Paradieses entlarvt.
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BOOKLIST
Lilia Hassaine: «Tödliche Transparenz».
Lenos Verlag, Basel 2025, 248 S.,
CHF 28.00 / EUR 26
Dieses Romanmonster beginnt in Peru, als der amerikanische Filmemacher George Bennett an dem Tag, an dem der Anführer der Guerillagruppe Sendero Luminoso gefangen genommen wird, im Keller eines Hauses einen finsteren Mord begeht. Die Vorgeschichte dieses Verbrechens reicht 25 Jahre zurück, und es wird weitere 25 Jahre dauern, bis es aufgeklärt wird, also 50 Jahre Einsamkeit. Aus Katakomben, Irrenanstalten, unterirdischen Gefängnissen und schrecklichen Romanhandlungen kommen Informationen, die sich zu einer kryptischen Geschichte Südamerikas zusammenfinden.
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Gustavo Faverón Patriau: «Unten leben».
Literaturverlag Droschl Graz / Wien 2025, 600 S.,
CHF 46.90 / EUR 34
Allen geht es gut in der nigerianischen Familie von Zelu. Nur sie steckt in der Krise. Als Autorin bekommt sie nur Absagen von Verlagen. So schreibt sie einen skurrilen Roman ganz für sich allein, über eine Zukunft, in der KI und Roboter die Erde bevölkern, denn die Menschen haben sich aus dem Staub gemacht. Und das Buch wird tatsächlich ein Grosserfolg. Nur gerät Zelu auf diese nun menschenleere Erde und dort in die mörderische Auseinandersetzung zwischen Robotern und körperloser KI. Ein tolles Beispiel von neuer Science-Fiction-Literatur von Frauen. Ein Mann hätte den Roman total verkackt.
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Nnedi Okorafor: «Tod der Autorin».
Ullstein Verlag, Berlin 2025, 522 S.,
CHF 27.50 / EUR 19
In diesem wüsten Politkrimi wird Frankreich in naher Zukunft zwischen politischem Taktieren und gewaltsamen Intrigen zerrieben. Die kleine Faschistin Francesca lebt in der Nähe der belgischen Grenze und mischt skrupellos bei der identitären Bewegung und den Rechten mit. Als sie 20 wird, entdeckt sie ein fatales Geheimnis, das ihr Leben auf den Kopf stellt. Unterdessen hat «der Verrückte», wie der französische Präsident nur noch genannt wird, wieder einmal die Nationalversammlung aufgelöst. Aber nicht der ultrarechte Patriotische Block kommt an die Macht, es gibt einen Militärputsch.
Dieser temporeiche Politkrimi mit seinem schwarzen Humor hätte prächtig in die leider nie existierende Reihe „Schund und Schiet“ gepasst.
Jérôme Leroy: «Die kleine Faschistin»,
Edition Nautilus, Hamburg 2026, 152 S.,
CHF 26.50 / EUR 18,00
PFLICHT LEKTüRE

Elise Gravel: «Mikrobenmannschaft»

Klugscheisser
Eines vorweg: Ich werde über keinen Comic schreiben, den ich richtig kacke finde – dafür fehlt mir die Zeit, mein Körper ist viel zu sehr damit beschäftigt, Nahrung aufzunehmen, sie zu verdauen, auszuscheiden und wieder Hunger zu bekommen. Glücklicherweise gibt es zahlreiche aktuelle Comics, die diesen Prozess begleiten können und wichtige Informationen bereitstellen – auch nach dem Ende des kurzen Trends der Koch- und Küchencomics vor ein paar Jahren, als Christophe Blain oder Guillaume Long gezeichnete Rezeptumsetzungen und Koch-Biografien veröffentlichten. Tine Stehn fragt in Die kochenden Affen etwa danach, warum der Mensch irgendwann in der Steinzeit auf die Idee kam, Essen zuzubereiten, statt rohes Fleisch und was man sonst so fand, einfach so zu konsumieren, was dem Körper bei der Umwandlung in Kacke viel mehr Energie abverlangte. Apropos Fleisch: Martin Oesch zeigt in Fleischeslust die aussterbende Kunst des Fleischerhandwerks, das mit Discounterpreisen nicht mehr konkurrieren kann; inklusive Bildern von zu füllenden Därmen, Fleischabfällen und Schlachtszenen. Aber es soll hier ja um alles gehen, was nach dem Essen kommt, also Verdauung und Ausscheidungen. Marja Baseler und Annemarie van den Brink haben vor einigen Jahren mit ihrem Kinderbuch Die Kackwurstfabrik vorgemacht, dass man mit der Antwort auf Fragen wie «Warum ist Kacke braun?» oder «Wie entsteht ein Pups?» einen Bestseller landen kann. Und das Bilderbuch Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat ist ja ohnehin über Generationen hinweg ein Longseller. Verdauung ist also ein Thema, das in allen Altersklassen Anklang findet und sich in immer kleinere Spezialthemen ausdifferenzieren lässt. Die kanadische Illustratorin und Kinderbuchautorin Elise Gravel widmet sich in Mikrobenmannschaft diesen winzigen Lebewesen, die weder Tier noch Pflanze sind, den Bakterien, Viren, Pilzen. Sie sind uns Menschen näher, als wir glauben: «In und auf deinem Körper befinden sich Millionen von Mikroben. Wenn man all diese Mikroben zusammennehmen und wiegen würde, wäre sie so schwer wie ein Backstein.» Am wichtigsten sind für uns Menschen dabei die Bakterien, die im Darm leben, und ohne die es nicht möglich wäre, Nahrung zu verdauen und den Körper mit Nährstoffen zu versorgen. Mehr noch: «Wissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass diese Mikroben Botschaften an dein Gehirn senden und auch deine Gefühle beeinflussen können.» Gute Laune dank gut gelaunter Verdauungs-Mikroben, das ist doch eine frohe Botschaft aus der Kackwurstfabrik!
Jonas Engelmann
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Elise Gravel: «Mikrobenmannschaft».
Tulipan Verlag, 64 S., Hardcover., farbig,
CHF 28.90 / EUR 18
Baseler / Van den Brink / Van der Pol: «Die Kackwurstfabrik». Klett Kinderbuch, 48 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 28.90 / EUR 18
«The Hands of Shang Chi, The Master of Kung Fu»
Der einen Müll ist des anderen Schatz
Mit dem Rat meiner Grossmutter im Hinterkopf – «Wenn du nichts Nettes sagen kannst, solltest du lieber gar nichts sagen» – habe ich beschlossen, das Thema dieser Ausgabe einmal anders anzugehen. Anstatt also über einen miesen Comic zu schreiben (ja, natürlich habe ich auch solche gelesen), schlage ich vor, eine fünfzig Jahre alte amerikanische Comic-Reihe zu loben, die die meisten STRAPAZIN-Leser*innen wahrscheinlich als Mist abtun würden.
Auf den ersten Blick scheint The Hands of Shang Chi, Master of Kung Fu den Standards dieser ehrwürdigen Zeitschrift bei weitem nicht zu genügen. Es handelt sich um einen unbedeutenden Marvel-Titel aus den 1970er-Jahren, der auf dem damaligen Kung-Fu-Boom aufbaut, viele seiner Figuren aus vergessenen Pulp-Magazinen, die vor der «Gelben Gefahr» warnten, entlehnt und alle Merkmale von Genre-Schund aufweist – ganz zu schweigen von überholten Vorstellungen vom Osten, die peinlich veraltet sind. Und doch geschah hier trotz alledem etwas Ungewöhnliches: Das Buch wurde zum Höhepunkt einer Welle seltsamer Marvel-Titel der zweiten Reihe (darunter Man-Thing, Werewolf by Night und The Defenders), die ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen von Vertigo versuchten, kluge und ambitionierte Erzählkunst in die Mainstream-Comics zu schmuggeln.
Kaum hatte die Serie ihren Platz gefunden, entwickelte sich Master of Kung Fu rasch zu einer komplexen internationalen Spionagechronik mit einer durchgängigen philosophischen Grundstimmung: düsterer, als man erwarten würde, doch durchzogen von Humor und Ironie; weniger auf Auflösung bedacht als auf zwischenmenschliche und ideologische Spannungen; und getragen von einer stillen Intensität, die selbst die konventionelleren Handlungsstränge durchzieht. Erfreulicherweise existiert die Serie grösstenteils ausserhalb der Konventionen des Marvel-Universums und verzichtet auf Superhelden-Spektakel zugunsten einer Welt voller internationaler Intrigen, wechselnder Loyalitäten und kompromittierter Institutionen.
Das Herzstück der Serie liegt in der Zusammenarbeit zwischen dem Autor Doug Moench und dem Zeichner Paul Gulacy: Moench ist ein geschickter Bastler von Abenteuergeschichten mit einem Gespür für Dialoge und Melodramatik; Gulacy ist ein Zeichner, der Jim Sterankos stilvolle Interpretation von Jack Kirbys dynamischer Erzählweise aufgriff und sie mit filmischem Flair sowie einer Panel- und Seitenkomposition versah, die dazu beitrug, die Erzählweise amerikanischer Comics neu zu erfinden. Spätere Zeichner veränderten den Stil, ohne den Zauber zu brechen. Mit Mike Zeck präsentiert die Serie straffere Action und kraftvolle Dynamik, während es bei Gene Day, einem Meister von Licht und Schatten, zu einer Verlagerung hin zu Innerlichkeit und psychologischer Erschöpfung durch «die Spiele des Todes und des Betrugs» kommt.
Leider war die Serie auch den Realitäten des Mainstream-Comic-Verlagswesens der 1970er-Jahre ausgeliefert. Termine wurden nicht eingehalten. Füllausgaben unterbrachen den Erzählfluss. Es traten Gastzeichner auf, die den Ton oder den Anspruch der Kernserie nicht aufrechterhalten konnten. Wenn man die Serie am Stück liest, kann sie unausgewogen und zuweilen gar frustrierend wirken. Liest man sie jedoch selektiv, ergibt sich ein anderes Bild. Was Master of Kung Fu wirklich bräuchte, wäre einen Editor’s Cut: sechzig oder siebzig Ausgaben aus der gesamten Serie, zusammengefasst zu einem einzigen kohärenten Werk. Wer einsteigen möchte, macht dies am besten mit den Ausgaben Nr. 45–50: Dieser Handlungsbogen ist Gulacys Abschiedswerk; jedes Kapitel einer Ausgabe wird von einer anderen Figur erzählt; und es liest sich wie der beste James-Bond-Film, der nie gedreht wurde.
Für viele Leser von STRAPAZIN wird MoKF wahrscheinlich als peinlicher, an Superhelden angelehnter Mist aus den 1970er- Jahren rüberkommen, an den man sich, wenn überhaupt, nur deshalb erinnert, weil Marvel Shang-Chi später für die Filme wiederbelebt hat. Aber wer eine Vorliebe für filmisches Storytelling hat, für die Texturen einer ein halbes Jahrhundert alten Popkultur oder für den – manchmal stockenden, gelegentlich recht schönen – Versuch, «Exploitation» in etwas Nachdenkliches, Philosophisches und sogar Transzendentes zu verwandeln, dann könnte es sich durchaus lohnen, Master of Kung Fu aufzuspüren.
Mark David Nevins
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In diesem Essay besprochene Werke:
«The Hands of Shang Chi, The Master of Kung Fu»
(Marvel Comics, ca. 125 Ausgaben einschliesslich Annuals und Giant-Size-Ausgaben, 1973–1983); seitdem sind verschiedene Sammelbände erschienen.
In englischer Sprache.

Alexandro Jodorowsky & Moebius: «John Difool: Der Incal»
Kack-Farben
Zunächst grosse Freude, als mich 2007 die tonnenschwere Gesamtausgabe des ersten Zyklus von John Difool Der Incal erreichte. Dieser schmucke Klotz – eine knapp 300 Seiten starke A4 Hardcover-Ausgabe – sollte meinen Gemischtwarenladen aus ComicArt- und Feest-Ausgaben ersetzen. Dann leichtes Zögern, weil das Cover so gar nicht zu den aussergewöhnlichen Zeichnungen der Serie passte. Aber man kennt das ja: Mit dem Cover möchte man neue Käufer*innen (welche auch immer) anlocken. Als ich den Wälzer durchblättere staune ich nicht schlecht! Die Farben der eigentlich quietschbunten, aber sehr transparent kolorierten psychedelischen Science-Fiction-Serie aus den 80er-Jahren – stark beeinflusst von der nicht realisierten Dune-Verfilmung des chilenischen Regisseurs Alexandro Jodorowsky (El Topo, Montana Sacra), der dafür Mitte der 70er-Jahre Kontakt zu Moebius aufgenommen hatte – sind hier eher realistisch eingesetzt, sehen andererseits aber auch nach Plastik aus. Dann erst entdecke ich: Die ursprünglich sechs Bände des Incal erscheinen im Sammelband mit einer neuen Kolorierung von Valérie Beltran.
Es ist schon merkwürdig, überhaupt an so etwas wie eine Neukolorierung zu denken – geht es um Neuinterpretation, eine Coverversion, einen Remix? Wohl kaum, und als so etwas wurde der Band auch nicht verkauft, sondern als Sammelband des Incal. Was er aber nicht ist. Es ist jetzt ein neuer Comic. Die computergestützte Kolorierung, die an die jüngeren Nebenserien des Incal wie Techno-Väter oder Meta-Barone erinnert, fühlt sich eher wie eine Modernisierung an. Eine Modernisierung, so wie man das Layout einer Zeitschrift relauncht oder die Karosserie eines Autos neu entwirft. Steckt also der Gedanke dahinter, dass die alte Kolorierung inzwischen nicht mehr gut ist, weil es neue technische Möglichkeiten gibt? Der Incal ist aber ein Kunstwerk, das nur existiert, weil es zu einer bestimmten Zeit auf eine bestimmte Art gemacht wurde, und das diese Zeit in sich trägt. Da führen dann auch technische Bedingungen zu bestimmten Ergebnissen. So ist das bei Schwarzweissfotos oder -filmen. In der Filmgeschichte gibt es zwar auch immer wieder Versuche einer nachträglichen Kolorierung, aber in der Regel sind das dann eher Remakes, ein neuer Film. Die farblich überdrehte Handkolorierung beim Incal war neben der verwirrenden Story um den Space-Detektiv John Difool als Retter des Universums aber nicht nur technische Möglichkeit, sondern vor allem künstlerischer Ausdruck (Kolorierung u.a. von Yves Chaland). Ein Meer ist darin nicht rot, weil es mit der Hand statt mit dem Computer koloriert wurde. Das gleiche rote Meer ist in der neuen Kolorierung aber tatsächlich blau-grau. Psychedelic Art und Surrealismus auf der Farbebene wird in der Neuausgabe einfach durch Realismus mit Air-Brush-Flair eingetauscht. Als würde man ein expressionistisches Bild einer Farbkorrektur unterziehen oder aus einer Platte von The Velvet Underground für eine Neuauflage das Feedback filtern. Wolf Stegmeier, der Redakteur dieser deutschen Incal-Gesamtausgabe, wusste seinerzeit nichts Genaues darüber zu berichten, ob Moebius die Kolorierung abgesegnet hatte. Die deutsche Ausgabe ist nur eine Lizenzierung des bereits vor einem Jahr in Frankreich erschienenen Originalbandes. Unwahrscheinlich, dass Moebius da übergangen wurde. Um so bitterer, falls er selbst die Originalkolorierung seines Klassikers verbesserungswürdig fand.
Christian Meyer-Pröpstl
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Alexandro Jodorowsky & Moebius: «John Difool: Der Incal». Egmont-Ehapa, 289 S.,
Hardcover, farbig, vergriffen
Rachel Ang: «I Ate the Whole World to Find You»
Iss die Welt!
Zuweilen fühlt sich das Leben gar nicht gut an. Davon weiss die australische Zeichnerin Rachel Ang einiges zu erzählen. Ihre Graphic Novel I Ate the Whole World to Find You («Ich habe die ganze Welt verschlungen, um dich zu finden») setzt bei jenen dunklen Lebensphasen an, in denen man sich von Erwartungen bedrängt fühlt und selbst Liebe, Sympathie und wohlmeinender Zuspruch ins Bedrohliche kippen und ein zutiefst verunsichertes, instabiles Selbstbild zurücklassen.
Der Titel greift ein Sprichwort auf, das besagt: «Um dich selbst zu finden, musst du die ganze Welt auf dich nehmen». Ang nimmt diese Redensart wörtlich. Und körperlich. Essen steht sinnbildlich für die Ambivalenz, mit der die Protagonistin Jenny, eine Mittzwanzigerin, ihre Umwelt aufnimmt und verinnerlicht: Aus Appetit wird auf einmal ein beengendes Gefühl der Völle und des Zwangs, Lust schlägt um in Scham und Ekel. «Die ganze Welt essen» markiert somit jene Grenze, an der etwas zu tief, zu überwältigend in den Körper gelangt und eine Abwehrreaktion auslöst.
Jenny lernt, dass sie sich der widersprüchlichen, oft widerwärtigen Realität nicht entziehen kann, und dass sie ebenso wenig leben kann, wenn sie diese ungefiltert aufnimmt. In fünf Kapiteln, die jeweils einem Lebensabschnitt entsprechen, begleiten die Leser*innen Jenny auf ihrem «Verdauungsprozess» hin zu einer versöhnten Beziehung mit sich selbst. Zwei Erfahrungen weisen den Weg: Das Eingeständnis eines verdrängten Traumas sowie die Reflexion darüber, was sie innerlich davon abhielt, Hilfe zu suchen, als sie Zeugin eines rassistischen Übergriffs wurde.
Ang erzeugt mit ihren Bildern Nähe und Mitgefühl, ohne die Ambivalenz des Erlebten auszublenden. Ihre Schwarzweisszeichnungen, meist mit digitalem Fettstift gezeichnet, wirken fettig, verschmiert, und machen so Verstörung und Unsicherheit sichtbar. Zugleich deuten sie die Möglichkeit an, schmerzliche Schichten abzutragen und neue Sichtweisen zu entwickeln.
Formal schöpft Ang voll aus dem Repertoire des grafischen Erzählens: Panelraster wechseln abrupt, wenn Jenny die Angst ergreift; Sprechblasen leeren sich und brechen wie ein Schwarm über sie herein, wenn ihr alles zu viel wird und die Sprache versagt. Selten wurde das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Charakterentwicklung so empathisch und nuanciert erzählt.
Einen stillen Schluss setzt das Schlüsselkapitel Reinheit über Schwangerschaft und Geburt. In der aussersprachlichen Verständigung mit dem ungeborenen Kind findet Jenny jenes «Du», um gemeinsam ein Leben aufzubauen. Ihren Körper erlebt sie nun nicht länger als Bedrohung, sondern als geteiltes Dasein. Angst bleibt – doch der Ekel weicht einem vorsichtigen Vertrauen, sich der Welt, so wie sie ist, zu öffnen und in ihr bestehen zu können.
Florian Meyer
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Rachel Ang: «I Ate the Whole World to Find You».
In englischer Sprache, Drawn & Quarterly, Montréal 2025, 316 S.,
Softcover, s/w,
$ 22.95
Régis Loisel, Jean-Blaise Djian. «Das letzte Haus am Rand des Waldes»
Gestampfter Quark…
Régis Loisel hat seinen Ruf zu Recht. Dank Meisterwerken wie Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit oder Peter Pan zählt er seit den 1980er-Jahren zu den Erneuerern des frankobelgischen Erwachsenencomics. Seine Werke sind lang, episch und vielschichtig. Sie verbinden Humor mit Melancholie sowie Witz mit Tragik auf subtile, unverwechselbare Weise. Hinzu kommt Loisels unnachahmlicher Strich: lebendig, dynamisch und ungemein flüssig. Selbst, wenn die Szenerien mit Details überquellen, behält er souverän die Fäden der Erzählung in der Hand.
Wie schon die Klassiker ist sein neues Album Das letzte Haus am Rand des Waldes vom magischen Realismus geprägt: Menschen und übernatürliche, feenhaften Wesen leben hier Tür an Tür. Realität und Fantasie greifen laufend ineinander. Régis Loisels legt sein erstes vollständig selbst gezeichnetes Album seit mehr als zwanzig Jahren vor. Entsprechend euphorisch feiern die Verlage – Rue de Sèvres in Frankreich, Splitter in Deutschland – Loisels «grosse Rückkehr zur Zeichnung». Auf Deutsch erscheint das Werk als reguläres Album, aber auch als hochwertige Prachtausgabe. So weit, so nachvollziehbar. Dumm nur, dass sich Das letzte Haus am Rand des Waldes erstaunlich albern liest und streckenweise schlicht töricht ist. Im Vergleich zu Loisels Klassikern wirkt der neuste Wurf leichter, luftiger, anarchischer und bisweilen hysterisch und schrill. Als verrucht-groteske, skurril-absurde Tragikomödie könnte das Album auf der Bildebene funktionieren – die Lektüre jedoch hinterlässt eher Ratlosigkeit.
Die Handlung? Pierrot, der Protagonist, hält sich für schön und unwiderstehlich, obwohl er in Wahrheit ausgesprochen hässlich ist und bei Frauen gar nicht ankommt. Schuld daran ist seine durchgeknallte Mutter Yvette, die ihn mit einem Voodoo-Zauber belegt hat. Beide leben im titelgebenden letzten Haus vor dem Wald – zusammen mit fleischfressenden Pflanzen, feenhaften Kreaturen und Yvettes Ehemann, der, obgleich zur Büste erstarrt, doch sprechen kann. Zu dessen Geburtstag lädt Yvette eine Prostituierte ein. Diese verbringt die Nacht allerdings nicht mit Pierrot, sondern mit ihr. Als sie ihren Höhepunkt erreicht, fürchten die Feenwesen, jemand werde abgestochen – was für ein unglaublich origineller Witz!
Kurzum: Diese Geschichte hätte gut noch weitere 200 – oder auch 2000 – Jahre ruhen dürfen. Ein Debütant hätte für ein solches Album bestimmt eine Absage erhalten. Hier jedoch zeichnet ein Star, dessen Name allein Absatz verspricht – und Djians Szenario gibt Loisel nicht nur eine gewisse Narrenfreiheit, sie rollt ihm gar den roten Teppich aus. Vielleicht lässt sich rückblickend einmal sagen, dieses Album habe einem weiteren Meisterwerk den Weg bereitet. Für den Augenblick jedoch bietet Das letzte Haus am Rand des Waldes wenig Anlass zur Empfehlung.
Florian Meyer
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Régis Loisel, Jean-Blaise Djian. «Das letzte Haus am Rand des Waldes».
Splitter, 168 S.,
Hardcover, farbig,
ca. CHF 55.- / EUR 35 /
lieferbar ab ca. 01.08.2026.
20 Jahre Sonderedition. Splitter, 184 S.,
Hardcover mit Leinenrücken, s/w,
ca. CHF 68.– / EUR 49,80

Grimbart Studio: «1813 – Eine Nation erwacht»
Rechte Propaganda im Kinderzimmer
Der Comic 1813 – Eine Nation erwacht präsentiert sich vordergründig als harmloser Beitrag zur Vermittlung deutscher Nationalromantik. Doch hinter den 32 Seiten steckt eine deutliche ideologische Ausrichtung. Was der AfD-Bundestagsabgeordnete Christoph Grimm als «historisch wertvolle Lektüre» für bereits siebenjährige Kinder an deutschen Grundschulen in seinem Wahlkreis verteilte, entpuppt sich als gezielte – und plumpe – völkische Indoktrination. Die Erzählung folgt dem Protagonisten Friedrich Hellmann durch die Befreiungskriege, mit denen Napoleons «fremdes Joch» beendet wurde. Doch statt einer differenzierten historischen Einordnung bietet das Heftchen pathetischen Nationalismus. Sätze wie «Aufgeben ist Verrat an mir und dem Vaterland» oder die Beschwörung von Blut, Ehre und Heldenmut lassen aufhorchen und zeigen eine nationalistische und kriegsglorifizierende Haltung. Besonders auffällig: Der Titel Eine Nation erwacht beschwört die in Deutschland verbotene NS-Losung «Deutschland erwache» herauf. Auch visuell setzt das Werk auf eine fragwürdige Ästhetik. Das Cover zeigt einen Soldaten unter einem stilisierten Stahlhelm, dessen Form an NS-Wehrmacht-Modelle erinnert. Während der Verlag mit «authentischen» und «ästhetischen» Bildern wirbt, bemängeln selbst wohlwollende Leser*innen die mangelnde Qualität der Illustrationen, die offensichtlich mehr schlecht als recht von einer künstlichen Intelligenz generiert wurden und unstimmig wirken. Herausgeber des Comics ist Grimbart Studio, das zur Tannwald Media gehört. Dahinter steht ein bekannter Anhänger der rechtsextremen Identitären Bewegung Deutschlands. Experten warnen, dass hier mittels Symbolen und Codes eine «völkisch-revolutionäre Erzählung» in die Kinderzimmer geschmuggelt wird, die den demokratischen Bildungsauftrag untergräbt. 1813 – Eine Nation erwacht ist kein Comic zur Geschichtsvermittlung, sondern rechtsextreme Propaganda in grottenschlechtem KI-Stil, die den «gefallenen Helden der Befreiungskriege» gewidmet ist. Die unkritische Darstellung der Ereignisse ist ein gefährlicher Versuch, die Grenzen des Sagbaren bereits bei den Kleinsten zu verschieben. Abgesehen davon ist der Comic phantasielos, erzählerisch platt, und verdient ganz klar den Begriff «Schundheft».
Johannes Peters
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Grimbart Studio: «1813 – Eine Nation erwacht».
Tannwald Media, 32 S.,
Softcover, farbig,
CHF 8.- / EUR 7,90.
Frank Miller: «Holy Terror»
Holy Shit, Batman!
Frank Miller war einst eine unumstrittene Grösse der Comic-Branche, doch mit Holy Terror demontierte er vor über zehn Jahren seinen eigenen Legendenstatus nachhaltig. Das Werk, das Miller selbst unverblümt als Propaganda bezeichnete, stellt eine visuelle Sackgasse dar und entpuppt sich als gehässiges Pamphlet gegen den Islam. Statt der gewohnten Tiefe seiner früheren Werke wie Daredevil: Born Again oder Batman: The Dark Knight Returns bietet Miller hier eine erschreckende Dürftigkeit und Geschmackslosigkeit in der Handlung: Nach verheerenden Bombenanschlägen auf Empire City beginnt ein Vigilant namens «Richter» (engl. Fixer) einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen das Terrornetzwerk Al-Qaida. Die gewaltsame Jagd führt ihn von brutalen Folterverhören bis hin zu einem blutigen Showdown in einem geheimen Hauptquartier unter einer Moschee. Das ursprünglich als Batman-Geschichte konzipierte Skript wurde vom DC-Verlag abgelehnt, da man besorgt war über die explizite Islamophobie und einen Imageschaden für die Marke Batman befürchtete. Nachträglich fand Miller den Dunklen Ritter ungeeignet für den Kampf gegen die Terror-Gruppe und den Fixer als besser angepassten Helden im Stil von Dirty Harry.
Nicht nur inhaltlich, auch künstlerisch ist der Band ein Desaster. Das Werk schwankt zwischen kinetischer Energie in den Verfolgungsjagden und einem unleserlichen, schlampigen und wirren Tusche-Stil, der wie eine hastige Collage wirkt.
Jahre nach der Veröffentlichung distanzierte sich Miller von Holy Terror. Er gab offen zu, während der Entstehung aufgrund von schwerem Alkoholismus und persönlichen Traumata nach den Anschlägen vom 11. September verwirrt gewesen zu sein. Obwohl deutsche Verlage wie Cross Cult, welche die Miller Sin City-Serie publizieren, das Werk aufgrund massiver inhaltlicher Bedenken ablehnten, fühlte sich der Panini-Verlag dem Künstler verpflichtet. Heute ist der Comic (zum Glück?) nicht mehr lieferbar.
Giovanni Peduto
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Frank Miller: «Holy Terror».
Panini Comics Deutschland 2012, 120 S.,
Hardcover, s/w. vergriffen
Dimitrij Schaad und Alex Schaad, «Kacken an der Havel»
Kacken an der Havel
Nein, ums Kacken geht es in Kacken in der Havel nicht wirklich – die Netflix-Miniserie hat ihren Namen vom gleichnamigen (fiktiven) ostdeutschen Städtchen, in dem sie spielt. Dieses Kacken an der Havel, wo aus unerfindlichen Gründen die Bürgermeisterin Veronica Ferres gottähnlich verehrt wird, ist ein langweiliges, spiessiges Kaff. Darum ist der aufstrebende Rapper Toni vor Jahren auch nach Berlin gezogen – den Traum von der grossen Musikkarriere konnte er sich jedoch nie erfüllen, weiter als zum Pizzaiolo hat er’s nicht gebracht.
Als seine Mutter ganz unerwartet stirbt, kehrt Toni zum ersten Mal seit Jahren zurück in sein Heimatdorf, wo er gar nicht lange bleiben möchte – erst recht nicht, als plötzlich ein lukrativer Plattendeal aus Berlin ruft. Blöd nur, dass Toni kurz vor seiner Abreise dem dreizehnjährigen Charly begegnet, der behauptet, sein Sohn zu sein. Kacke!
In Kacken an der Havel ist der deutsche Rapper Anton «Fatoni» Schneider in seiner ersten grossen Hauptrolle zu sehen. Bei einer emotional ambitionierteren Produktion hätte sein nüchternes, zurückhaltendes Spiel wahrscheinlich eine Schwäche dargestellt – beim durchgeknallten Gag-Feuerwerk, das Kacken in der Havel zündet, fällt es nicht weiter auf. Im Gegenteil: Dass gerade auch die Schauspielleistungen etwas «off» sind, ist hier Teil des Charmes.
Die Netflix-Produktion ist eine dieser Komödien, bei der jede schräge Idee zu Ende gedacht werden durfte. Ob Stand-Up-Paddel-Limbo-Turnier, ein schrulliges Schweizer Vater-Sohn-Gespann oder einfach Bruce Willis als Limousine – Kacken an der Havel zeigt bei den Gags keinerlei Zurückhaltung. Die Serie kostet jede Pointe genüsslich aus, eine Hartnäckigkeit, die sich insbesondere bei potentiell schlechten Witzen auszahlt: Die Figur mit dem anfänglich grössten Nerv-Potential – der von Showrunner Dimitrij Schaad verkörperte, übertrieben leidenschaftliche Stiefvater Johnny Carrera – mausert sich über den Lauf der Serie zum absoluten Highlight.
Der klar herzigste Einfall ist ein kleines Entenbaby namens Tupac, das wie Baby-Yoda als Animatronic-Puppe zum Leben erweckt wurde und Toni als Geflügel gewordenes Gewissen durch die Serie begleitet.
Kacken an der Havel ist absurder Klamauk, irgendwo zwischen The Naked Gun und der Schweizer TV-Serie Tschugger. Letzteres ist kein Zufall: Der Schweizer Mats Frey schrieb sowohl bei der erfolgreichen Serie über die Walliser Polizei als auch bei dieser Netflix-Produktion mit. Und auch eine andere Sache haben die beiden Serien gemein: Wer sich auf diesen schrägen Trip einlässt, wird definitiv belohnt.
Olivier Samter
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Dimitrij Schaad und Alex Schaad, «Kacken an der Havel»,
die erste Staffel ist seit dem 26. Februar 2026 auf Netflix verfügbar und umfasst neun Folgen.
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Biografien
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Ida Künzle
Ida Künzle kommt ursprünglich aus Thun (CH) und lebt in Zürich. Als freischaffende Illustratorin hält
sie Gerichtsprozesse für Zeitungen fest. In ihrer Arbeit als Visual Designerin bereitet sie komplexe journalistische Inhalte auf und macht sie mithilfe von Erklär-Animationen und Scrollytelling-Artikeln einem breiten Publikum zugänglich.
Sie hat einen Bachelor in Visueller Kommunikation (HKB) sowie einen Master in Knowledge Visualization (ZHdK).
Wenn sie nicht gerade Ganov*innen vor Gericht zeichnet oder an ausgeklügelten Designlösungen arbeitet, übernimmt sie mit grosser Hingabe Catsitting-Jobs bei STRAPAZIN-Redaktoren.
Arbeiten von ihr erschienen in STRAPAZIN Nr. 139, 147 und 155.
idaillustration.ch
@ida_illu
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Kamagurka
Kamagurka alias Luc Zeebroek, *1956 in Nieuwpoort, Belgien, ist Cartoonist und Autor, er studierte erst Kunsterziehung in Brugge und dann Kunst in Gent,
wo er heute lebt. Er arbeitet oft mit Herrn Seele zusammen,
dabei ist Kamagurka für das Skript und Herr Seele für
die Zeichnung zuständig. Zudem malt er und schreibt Theaterstücke, er hat über 25 Comic-Alben produziert und fünf CDs herausgegeben.
Seine Arbeiten erscheinen regelmässig in Titanic, Süddeutsche Zeitung, The New Yorker und seit den Anfängen im STRAPAZIN.
Herr Seele ist das Pseudonym von Peter van Heirseele, *1959 in Torhout, Belgien. Der flämische Künstler, Cartoonist und Moderator besuchte die Akademie der bildenden Künste in Gent und lernte Klavierstimmer und Restaurator in Wales. Er ist unter anderem der Zeichner des Strips Cowboy Henk, der im belgischen Wochenmagazin Humo erscheint. Heirseele arbeitet zusammen mit Kamagurka für Radio und Fernsehen, seine Hauptbeschäftigung aber ist die Malerei. Zudem schuf er eine Sammlung historischer Klaviere in Ostende.
«Cowboy Henk ist nicht immer gut, aber wenn er gut ist, dann ist er richtig gut.» Umberto Eco
kamagurka.com
@herr_seele
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Storyof
Storyof ist ein chinesischer Comic-Zeichner und Comic-Researcher. Er ist Chefredaktor des international gefeierten Magazins Special Comix, das unregelmässig in Nanjing erscheint. Seine Geschichten waren schon mehrfach in STRAPAZIN zu bewundern.
Mehr dazu, auf Englisch:
www.sixthtone.com/news
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Ivano Talamo
Ivano Talamo interessiert sich seit seiner Kindheit in Apulien leidenschaftlich für Kacke und Zeichnen.
Er hat Comics und Illustrationen für verschiedene Verlage veröffentlicht sowie kürzlich im Verlag Hoppipolla den Comic Così fredda, così quieta. Cinque passeggiate nella Zurigo degli altri. Ivano lebt in Zürich.
ivanotalamo.com
@ivano.talamo
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Christoph Abbrederis
Christoph Abbrederis, *1961, Kunstgeschichtestudium und Studium der Gebrauchs-, Illustrations- und Photografik an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Illustrationen für Magazine und Designs für Werbung.
Seit 1980 Comics, vor allem für STRAPAZIN.
1989–1994 Aufenthalt in New York, Arbeiten für The New York Times, The Wall Street Journal, Der Spiegel und Cosmopolitan. 1994–1999 in Madrid, Kinderbücher für laGalera, Barcelona. Ab 2009 Lehrtätigkeit an der Universität für Angewandte Kunst, Wien, und der HSLU, Hochschule Luzern Design & Kunst, Luzern. Seit 2026 verdienter Ruhestand. Diverse Eigenprojekte, z.B. die Graphic Novel Gsiberg. Abbrederis wohnt im österreichischen Bregenz, Vorarlberg (=Gsiberg).
abbrederis.jimdoweb.com
@christophabbrederis
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Zhenya Oliinyk
Zhenya Oliinyk, *in Kiew, Ukraine, arbeitet als Illustratorin und Comic-Zeichnerin. Sie hat Abschlüsse in Journalismus und Kulturwissenschaften und arbeitete
als Reporterin und Kulturkolumnistin. Seit 2018 ist sie als Illustratorin tätig und beschäftigt sich mit Themen wie Krieg, Trauma, Kultur, Medien und Menschenrechte. Seit Beginn der russischen Invasion dokumentiert sie ihr Leben im Krieg in Comics.
Eine ihrer Arbeiten erschien in STRAPAZIN Nr. 148, Thema Ukraine.
zhenyaoliinyk.com
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Noah Liechti
Noah Liechti ward 1998 in Baden (CH) geboren (von seiner Mutter). Er ist freier Zeichner sowie Co-Verlagsleiter bei STRAPAZIN. Unter dem Pseudonym Noé Lumière ist er als Hauskarikaturist bei der Zürcher Studierendenzeitung (ZS) tätig. Seine Comics sind mal persönliche Anekdoten, mal politisch aufgeladene Mini-Epen und werden oft und gerne in verschiedenen Magazinen und an Festivals gezeigt. In der freien Wildbahn ist Liechti oftmals in Zürich zu sichten (Bierfütterung erlaubt).
@prince__of_trash.
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Karoline Schreiber
Karoline Schreiber zählt zu den prägenden Schweizer Zeichnerinnen ihrer Generation. Ihr umfangreiches Werk umfasst neben Zeichnung auch Malerei, Performance und Text. Mit unterschiedlichen Bildsprachen, die von krakelig-cartoonesken Darstellungen bis hin zu virtuoser Meisterschaft reichen, setzt sie sich mit politischen Themen, persönlichen Erfahrungen, menschlichen Schwächen und den Bedingungen des Kunstbetriebs auseinander. Immer wieder kippt die Ernsthaftigkeit der dargestellten Zustände dabei
ins grotesk Surreale und ebenso ins latent Unbehagliche.
Drei Zeichnungen aus einer 30-teiligen Serie.
karolineschreiber.ch
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Yves Noyau
Noyau, *1963 in Neuchâtel. Soeben ist sein neustes Buch La Trajectoire des Pierres lancées bei Frémok erschienen. Es erzählt auf altertümliche Art die verwirrenden Abenteuer eines jungfräulichen Mönchs in einem gnadenlosen und lüsternen Mittelalter.
Zuvor veröffentlichte er kurze Bildergeschichten von Füdlibürgern unter dem Titel Au suivant bei Atrabile sowie Le bon Goût, eine Sammlung von geschmacklosen, stummen Cartoons bei Les Cahiers dessinés.
Ausscheidungen und weitere Analitäten gehören zu Yves selbstverständlichem Repertoire. Er lebt in Zürich. Arbeiten von ihm erschienen in unzähligen Ausgaben von STRAPAZIN, auch das Umschlagbild dieser Nummer stammt von ihm.
yvesnoyau.ch
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Peter Bäder
Peter Bäder, *1957, arbeitet als Grafiker (Platten und CD-Covers, Konzert-, Film- und Theaterplakate), Animationsfilmer und Game Designer sowie Programmierer, ab und zu auch als Comic-Zeichner (Mitarbeit beim STRAPAZIN seit Nr. 2.) und/oder Illustrator. Er war Dozent für Illustration (HSLU) und digitale Medien (ZHDK). Er lebt in Zürich.
strapazin.ch/bildwerk
bgames.ch
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Christoph Schuler
Christoph Schuler, *1954 in Zürich. Lehre als Buchhändler, Jobs als Schauspieler, Sekretär, Vergolder, Flachmaler, Transportarbeiter, Bauhandlanger, Layouter, Archivar, Filmstatist, Journalist und Redaktionsassistent. Mitbegründer des Untergrundmagazins Stilett, der Veranstaltungszeitschrift Nizza, Redaktor beim Spielemagazin AHA!, Lektor und Übersetzer für verschiedene Verlage. Mitarbeit beim STRAPAZIN seit Nr. 2.
@schulerchristoph.
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Luigi Olivadoti
Luigi Olivadoti, *1983, studierte Kommunikationsdesign an der F+F Schule für Kunst und
Design Zürich und Illustration Fiction an der Hochschule Luzern HSLU.
Für sein illustratives Werk der letzten Jahre wurde er 2020 für den Swiss Design Award des Bundesamtes für Kultur nominiert. Gemeinsam mit seiner Familie lebt er als Illustrator und Gestalter in Zürich. Er zeichnet viel mit dem Farbstift, illustriert Bilderbücher und manchmal auch Comics, hin und wieder sogar für STRAPAZIN.
luigiolivadoti.li
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Sara
Sara schreibt uns: «Ich bin eine iranische, in Deutschland lebende Grafikerin. Aus Sicherheitsgründen kann ich meine persönlichen Informationen nicht offenlegen. Schon das allein spricht für die Unterdrückung und den Terror, denen wir als Iranerinnen und Iraner im Kampf für Freiheit ausgesetzt sind – ob im Land selbst oder im Ausland.»
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