APOKALYPSE
CHF 20.00
Nando von Arb
Henning Wagenbreth
Isabelle L. & M.S. Bastian
Nadine Spengler
Dinah Wernli
Chrigel Farner
Morris Vogel
Manuel Guldimann
Jonathon Rosen
Sophia Martineck
David Sandlin
Beschreibung
No:162
Nando von Arb
Henning Wagenbreth
Isabelle L. & M.S. Bastian
Nadine Spengler
Dinah Wernli
Chrigel Farner
Morris Vogel
Manuel Guldimann
Jonathon Rosen
Sophia Martineck
David Sandlin
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EDITORIAL
Die Apokalypse des Johannes — auch Offenbarung des Johannes genannt, ist ein rätselhaftes, immer wieder gern illustriertes Buch der Bibel. Die prophetischen Visionen, die Johannes beschreibt, künden von einer Endzeit — einer Zeit, in der die Welt, die Menschheit und die Geschichte an ihr Ende kommen werden. Dies geschieht in einer Fülle schwer dechiffrierbarer Bilder, die der Imagination von Szenarien reiche Nahrung geben. Der Wunsch, diese Fülle prophetischer Bilder veranschaulichen und bewältigen zu können, ist ein wichtiger Grund dafür, warum im christlichen Mittelalter so viele künstlerische Darstellungen zur Apokalypse entstanden.
Aktuelle Formen der Politik, die mit apokalyptischen Denkmotiven handeln oder gar regieren, unterscheiden sich von den klassischen, biblischen Erzählungen der Apokalypse dadurch, dass sie bereit sind, die Logik des Untergangs ohne Erlösung zu denken. Dies erweist sich als folgenreich: Zum einen führt diese in unsere Selbst- und Weltverhältnisse eingeschriebene Erzählung zu einem zunehmend verzweifelten Agieren, stützt aber eben auch autoritäres Durchregieren, bis hin zum Terror des Krieges in der Ukraine, zu Trumps ICE-Mördern in den US-amerikanischen Grossstädten und den bärtigen Henkern im Iran.
Wenn alltagssprachlich von der Apokalypse die Rede ist, dann ist damit in aller Regel der Weltuntergang oder die Katastrophe schlechthin gemeint. Die Perspektive der Erlösung durch ein von Gott herabgesandtes Himmlisches Jerusalem hingegen, die in der Johannes-Offenbarung vergleichsweise kurz, aber durchaus gewaltig erwähnt wird, spielt im alltäglichen Gebrauch kaum eine Rolle.
Es ist interessant, dass auch in modernen Gesellschaften ein eigenständiges Genre «apokalyptischer» Krisendeutung wirksam ist, welches nicht unbedingt inhaltlich, aber doch strukturell in der Tradition der biblischen Apokalyptik steht. In der Kunst der letzten beiden Jahrzehnte fand ein Paradigmenwechsel statt. Er zeigt sich primär in einem fundamental veränderten Verhältnis der Kunst zur Geschichte. Wurde noch in den Siebzigerjahren das Modell des Avantgardismus als weitgehend verbindlich erachtet, so wird nun die dem zugrunde gelegte utopische Denkfigur durch die mnestische, also die Erinnerung betreffende ersetzt. Während auf symbolischer Ebene die Erinnerung kultiviert wird, geht die Ökonomie weiterhin von der Wachstumsideologie aus und schreitet insbesondere die technologische Entwicklung radikal fort.
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Keine Zeit für ruhige Träume.
Roli Fischbacher
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DAS GESCHRIEBENE WORT
von Wolfgang Bortlik
«Dann hörte ich, wie eine laute Stimme aus dem Tempel den sieben Engeln zurief: Geht und giesst die sieben Schalen mit dem Zorn Gottes über die Erde! Der erste ging und goss seine Schale über das Land. Da bildete sich ein böses und schlimmes Geschwür an den Menschen, die das Kennzeichen des Tieres 666 trugen und sein Standbild anbeteten …»
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Die Apokalypse oder Offenbarung, bekannt aus der Bibel, ist ein ausgeklügeltes Programm der Welt- und Lebensvernichtung. Welcher Johannes auch immer diesen ziemlich verrückten Text geschrieben hat, er war von blühender Untergangsfantasie beseelt. Die Ungläubigen werden mittels Feuer, Blut, Hagel etc. vernichtet, eine gewisse Anzahl Getreuer oder Glaubender hingegen wird gerettet werden.
Dabei lehrt uns die Geschichte doch, dass die Menschheit insgesamt sich in ihrer rasenden Verbohrtheit selbst vernichtet, sozusagen sehenden Auges ins Unheil rattert. Viel Glück auf der Reise!
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Die Welt kurz vor dem Ende der Welt
Literarisch wird der Untergang der Welt, so wie wir sie kennen, vor allem in der Science Fiction behandelt. Seit eh und je ein Klassiker ist der Roman The Sheep look up (Schafe blicken auf), der 1972 erschienen ist. Autor ist John Brunner (1934—1995), ein linksökologischer Engländer. Er beschreibt den maroden Zustand der Welt und die diesbezüglichen Geschehnisse eines Jahres am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Leserschaft kann also von heute aus kontrollieren, was eingetroffen ist und was nicht. Brunner lässt nichts aus: Luftverschmutzung, ungeniessbares Trinkwasser, neuartige Epidemien und psychische Krankheiten, ölverpestete Meere, unbewohnbare Grossstädte und Arbeitslosigkeit — allesamt Folgen einer rein profitorientierten Wirtschaft, betrieben von der mafiösen Politik und einer zynischen «Wachstumsindustrie».
Brunner hat dabei keinen geradlinigen Roman geschrieben. Er handelt vordergründig vom Kampf der Autoritäten gegen den vermeintlichen Öko-Terroristen Austin Train. In die Erzählung hinein hat der Autor jede Menge Texte montiert: Zeitungsmeldungen, Polizeiberichte, Werbetexte, Slogans, Lieder usw. Das ergibt ein beklemmendes Bild einer Gesellschaft kurz vor dem Kollaps. Und nichts in diesem Roman erweist sich heute als übertrieben oder an den Haaren herbeigezogen.
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Als leuchtendes Beispiel apokalyptischer Gegenwartsliteratur sei Fiona Sironic’ Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft erwähnt. In einer Zeit klimabedingter Zerstörung durch grosse Waldbrände in Mitteleuropa verliebt sich die Protagonistin Era in Maja, die Tochter von zwei bekannten Momfluencerinnen und Content Creatorinnen. Maja und ihre jüngere Schwester haben sehr unter ihrer Öffentlichkeit als digitale Kinderstars gelitten. Sie sind diejenigen, die im Wald allerhand Zeug wie Festplatten sprengen, als symbolische Rache für ihre gestörte Kindheit. Sachen in die Luft zu jagen wird bald der neue Hype, vor allem bei der weiblichen Jugend. Era hingegen führt akribisch Buch über das Aussterben verschiedenster Vogelarten. Dann wird es ernst — Maja beginnt mit anderen Aktivist*innen die Zerstörung der Datencenter und Serverfarmen an die Hand zu nehmen …
Es ist ein grossartiger Roman über das Ende des Digitalen, über schlechte Ernährung und ein bisschen Liebe; in einem ganz eigenen Slang geschrieben, unsentimental und oft auch sehr komisch. Die 30jährige Autorin war letztes Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert, hat ihn aber leider nicht bekommen.
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Gleich nach der Apokalypse
In so einer nachapokalyptischen, lebensfeindlichen Restwelt irren in der Literatur dann doch immer noch ein paar Überlebende herum, auf der Suche nach einer Erinnerung, nach irgendeinem Sinn. Wer das gerne in Bildern ansieht, schaue sich die Mad Max-Filme von George Miller an.
Dystopie ist immer spannend, weil der Fantasie ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt sind.
Cormac McCarthy (1933—2023), der grosse US-Erzähler, beschreibt in seinem Roman The Road (Die Strasse) aus dem Jahre 2006 die Zeit kurz nach der Zerstörung. Weil alles verkohlt ist und nur Asche herumfliegt, muss es ganz schön gebrannt haben zum Weltende. Aber es gibt Überlebende, zum Beispiel den Vater und seinen Sohn, die mit wenigen Habseligkeiten in einem Einkaufswagen sowie einem Revolver mit zwei Patronen unterwegs sind an die Küste, denn am Meer soll es noch andere Überlebende geben. Aber es gibt viele Böse und nur wenige Gute nach dem Untergang. Ausserdem ist es kalt und nass und das Essen ist knapp.
McCarthy schreibt rührende Dialoge zwischen Sohn und Vater, der einmal sagt: «Er wusste nur, dass das Kind seine Rechtfertigung war.»
Es ist ein starker Roman mit einem halben Happy End, denn der Sohn überlebt am Schluss. Aber ob er jetzt zu den Guten kommt, na ja, das weiss man nicht so genau …
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Die Apokalpyse aus der Sicht einer Untoten zu beschreiben ist ziemlich originell. Der namenlose, offensichtlich weibliche Zombie aus Anne de Marckens Roman It Lasts Forever and Then It’s Over (Es währt für immer und dann ist es vorbei) verliert zuerst einen Arm, dann wird er auch noch enthauptet, aber eine Untote lebt einfach immer weiter, da kann sie gar nichts dagegen tun. Ist am Anfang des Romans der unstillbare Hunger des Zombies der Antrieb zum Weitermachen, so wird es im Laufe der Zeit eine verschwommene Erinnerung an Geschehnisse vor dem Untergang: Heidelbeeren sammeln, ein Tag am Strand mit einem anderen Menschen. Das Wort Liebe kommt einer Untoten wohl kaum über die Lippen, aber dieses Gefühl war wohl in ihrem früheren Leben vorhanden.
Auch bei de Marcken endet die Reise durch die apokalyptische Welt an einem Strand. Sogar Zombies gehen ins Wasser, aus dem schliesslich alles Leben kommt. Dann endlich ist Ruhe.
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Postapokalypse und Neuanfang
Wenn die Welt nicht ganz vernichtet worden ist und sich nach einer Zeit wieder regeneriert und neues Leben ermöglicht, dann heisst das postapokalyptisch und ergibt ein weites Feld der literarischen Spekulation: Was machen wir anders, was machen wir besser? Machen wir um Himmelswillen nicht die Fehler unserer Vorfahren! Wie kehren wir die Dystopie um in eine Utopie?
In Ursula K. Le Guins (1929—2018) letztem grossen Roman Always Coming Home (Immer nach Hause), 1985 erschienen, geht es um dieses Thema.
Die ganze Geschichte spielt jedenfalls in einem Teil von Kalifornien, der nach dem grossen Knall nicht untergegangen ist.
Le Guin erzählt vom Volk der Kesh, einer matriarchalisch organisierten Gemeinschaft, die Landwirtschaft und achtsame Technologien betreibt und mit Pflanzen und Tieren gleichberechtigt interagiert und kommuniziert. Reichtum entsteht aus Geben, nicht aus Nehmen. Aber es gibt auch noch sogenannte Börsen, das sind Computerterminals mit frei zugänglichen Informationen, so wie es Wikipedia einmal war. Dazu berichtet eine Frau mit dem Namen Stone Telling (Erzählstein) von ihrem etwas schwierigen Schicksal. Erzählstein ist nämlich nur mütterlicherseits eine Kesh, ihr Vater ist ein Kondormann, Angehöriger einer ziemlich bescheuerten Kriegerkaste, die offensichtlich nichts aus der Apokalypse gelernt hat.
Immer nach Hause ist kein Roman im eigentlichen Sinne, eher ein Sammelsurium der Hoffnung, denn auf den 860 Seiten des sehr schön gemachten Buches gibt es viele Bilder, auch lexikalisches Wissen über die Kesh, ihre Mythen, Bräuche, Gesänge, Medizin, Literatur sind eingestreut, all das, was halt eine Zivilisation ausmacht. Es ist ein grossartiger Entwurf einer friedlichen, schönen Welt, der einen zu Tränen rührt.
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Und noch etwas zum Thema: Beim Begriff Apokalypse denkt unsereins an den Film Apocalypse Now von Francis Ford Coppola, der während des Vietnamkriegs spielt. Der abtrünnige Colonel Kurtz, verkörpert von einem quasi ausserirdisch aussehenden Marlon Brando, soll im Hinterland liquidiert werden. Deswegen fährt eine Strafexpedition per Schiff einen Dschungelfluss hoch. Der Film basiert thematisch auf der Novelle Herz der Finsternis von Joseph Conrad (1857—1924), in dem Kapitän Marlow auf einem klapprigen Dampfboot den Kongofluss hochfährt, um den mysteriösen Elfenbeinhändler Kurtz zu suchen. Der steht unter Verratsverdacht, weil er sich offenbar mit der einheimischen Bevölkerung gegen die europäischen Kolonisatoren stellt. Der Kongo war damals persönlicher Besitz des belgischen Königs Leopold II., der das Land skrupel- und hemmungslos ausbeutete.
Joseph Conrad hat den Kongo 1888/89 befahren und mit Herz der Finsternis eine sprachmächtige Kritik an einer besonderen Apokalypse, der brutalen Kolonialisierung Afrikas, verfasst.
BOOKLIST
John Brunner: «Schafe blicken auf», Heyne Taschenbuch, München 1978, 414 S., nur noch antiquarisch erhältlich.
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Fiona Sironic: «Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft», ecco Verlag, Hamburg 2025, 206 S., CHF 32 / EUR 18,99
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Cormac McCarthy: «Die Strasse». Rowohlt Taschenbuch, Hamburg, 20. Auflage 2025, 254 S., CHF 23 / EUR 16
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Anne de Marcken: «Es währt für immer und dann ist es vorbei», Suhrkamp, Berlin 2025, 146 S., CHF 32 / EUR 23
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Ursula K. Le Guin: «Immer nach Hause», Memoranda Verlag, Berlin 2025, 860 S., CHF 39 / EUR 58
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Joseph Conrad : «Herz der Finsternis», übersetzt von Urs Widmer, Diogenes deluxe, Zürich 2024, 256 S., CHF 20 / EUR 10
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PFLICHTLEKTüRE

Yiĝit Aksaksoĝlu, Cans: «Das Handbuch für das Gefängnis Silivri»
Das Gefängnis-Handbuch
Werke, die Genregrenzen überschreiten, entfalten oft ihren eigenen Reiz — so auch Das Handbuch für das Gefängnis Silivri. Tatsächlich liest es sich stellenweise wie ein praktischer Leitfaden, wie sich die Haftzeit im grössten Hochsicherheitsgefängnis Europas organisieren und überstehen lässt. Doch die Graphic Novel des türkischen Autors Yiĝit Aksaksoĝlu und des Zeichners Cans erschöpft sich keineswegs in Tipps und Tricks. Vielmehr verdichtet sie Aksaksoĝlus persönliche Erfahrungen und Erinnerungen zu einer comic-journalistischen Reportage, die den Gefängnisalltag detailliert und eindringlich dokumentiert.
Rund 220 Tage verbrachte Yiĝit Aksaksoĝlu, ein bekannter Menschen- und Bürgerrechtler, in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis Silivri. Dieses umfasst auch Bereiche für Einzel- und Isolationshaft und gilt weithin als Sinnbild politisch motivierter Inhaftierungen in der Türkei. Aksaksoĝlus Festnahme stand im Zusammenhang mit Protesten gegen umstrittene Regierungspläne zur Bebauung des beliebten Gezi-Parks in Istanbul. Ohne konkrete Beweise wurde ihm vorgeworfen, diese Proteste unterstützt zu haben.
Der Comic zeichnet Aksaksoĝlus Haftzeit sachlich und chronologisch nach — von der Vorladung bis zur Entlassung. Wir begleiten den Protagonisten durch den monotonen Alltag in der Einzelzelle — wir erfahren, wie er seine Zeit einteilt, wie er kocht, putzt und Sport treibt. Wir erleben seine Hochs und Tiefs, und wie er mit den strengen Haftbedingungen umgeht, die den Kontakt zu Familie und Anwälten stark einschränken.
Die feinfühlige, authentische Schilderung macht verständlich, warum er sich durch Türschlitze und Sichtfelder mit anderen Häftlingen unterhält, weshalb er das Sonnenlicht sucht und wieso Lesen und Schreiben ihm helfen, Kraft, Würde und innere Haltung zu bewahren — und den Verstand nicht zu verlieren. Eine besonders öde und wiederkehrende Routine ist das ständige Verfassen von Anträgen an die Gefängnisverwaltung: für Lebensmittel, Decken, Schreibmaterial und nahezu alles andere.
Typisch für das Handbuch ist der leise, verschmitzte Protest ohne laute oder schrille Töne. Das liegt nicht zuletzt an Cans Zeichnungen, die sich zwischen zurückhaltendem Realismus und leichter Karikatur bewegen und den Ton des Erzählers stimmig unterstützen. Enge und Eintönigkeit, Trauer und latente Hoffnungslosigkeit, das quälend langsame Verrinnen der Zeit und das fragile Minimum an gewährter Menschlichkeit prägen den Eindruck, den Cans Panels hinterlassen.
Alles in allem ist Das Handbuch für das Gefängnis Silivri eine ruhige, eindringliche und zutiefst menschliche Darstellung von Haft in einem restriktiven politischen System — und eine lehrreiche Lektüre, die zwar nachdenklich macht, insgesamt jedoch erbaulicher ist als vieles, was einem derzeit in den Nachrichten begegnet.
Florian Meyer
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Yiĝit Aksaksoĝlu, Cans: «Das Handbuch für das Gefängnis Silivri».
Interdictum Verlag, 128 S.
Hardcover, s/w,
CHF 28 / EUR 19.95
M.Burniat, Kerascoët, L.Flatz: «Die Macht des Blitzes. 1: Neptuns Armee»
Potzblitz!
Der junge Ikarus lebt mit seiner Grossmutter auf der Insel Atlantis, die im Meer des Vergessens liegt. Neben der Schule hilft Ikarus beim Hüten, Versorgen und Melken der Schafe, abends sitzen die beiden im Schein von Kerzen am Feuer in ihrem Steinhaus am Rand der Steilklippen beisammen. Auf den ersten Seiten des Comics Die Macht des Blitzes wirken die Zeichnungen idyllisch und niedlich, es entfaltet sich eine sommerlich-leichte Stimmung in hellen Farben: Die grüne Insel mit steilen Klippen im tiefblauen Meer, ein lichter Himmel mit weissen Wolken, die wolligen Schafe und die liebevoll-resolute Grossmutter. Aber bald — wir ahnen es — wird die pastorale Idylle von dramatischeren Tönen durchbrochen …
Der Szenarist Mathieu Burniat hat mit Die Macht des Blitzes eine Coming-of-Age-Geschichte mit mythologischen Querverweisen und dystopischen Elementen geschrieben, die von dem Duo Kerascoët in schwungvoller frankobelgischer Manier mit Manga-Anleihen in Panels gesetzt, von
Louise Flatz ausdrucksstark koloriert und von Ulrich Pröfrock ins Deutsche übersetzt wurde. Kulleraugen spielen eine wichtige Rolle in der Bildsprache dieses Comics: Die roten Augen des aggressiven Schafs Friedmute leuchten drohend im Dunkeln, als Ikarus sich zum Melken nähert. Die Augen der Grossmutter blicken erstaunt auf Ikarus, dessen gelb und blau gefärbten und von Sternchen und Blitzen umgebenen Augen an die rätselhafte Energie gemahnen, die der Körper des Jungen hervorzubringen vermag (vor allem, wenn die hübsche Kalio in der Nähe ist). Ikarus kann nämlich aus sich selbst heraus Elektrizität erzeugen — und womöglich die verlorene Energie von Atlantis wecken. Aber hinter «Erwählten» wie ihm sind die unheimlichen Wesen von Neptuns Armee her, die aus den dunklen Meerestiefen steigen, um sie zu verschleppen. Ikarus muss lernen, seine gefährliche Gabe zu kontrollieren.
Neptuns Armee ist der erste Band von Die Macht des Blitzes — und endet mit einem veritablen Cliffhanger! Teil 2, Der Feuerberg, soll im Mai erscheinen.
Barbara Buchholz
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Mathieu Burniat, Kerascoët, Louise Flatz: «Die Macht des Blitzes. 1: Neptuns Armee».
Reprodukt, 64 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 25 / EUR 18
Magda Wystub, Justin Time: «Queere Tiere»
Schwule Pinguine, lesbische Japanmakaken
In solch unruhigen Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, erfahren Natur- und Tierdokumentationen ein gesteigertes Interesse. Die Kultursoziologin Magda Wystub und der Illustrator Justin Time stellen mit ihrem Buch Queere Tiere den tradierten Blick von Tierforscher*innen auf den Kopf. So pflegen Tiere Sex nicht nur zur Fortpflanzung, sondern auch zum Vergnügen. Und da das für manch altgediente Biologinn*en unmöglich ist, wird zum Beispiel der Sex zwischen zwei männlichen Buckelwalen als Unterwerfung des schwächeren und älteren Wals interpretiert. Zwei männliche Buckelwale! Was nicht sein darf, darf nicht sein, also muss es um Unterwerfung gehen. Derweil ist die Tierwelt ein LGBTQ-Paradies, in das wir Menschen wohl niemals gelangen werden. Die «natürliche Ordnung» von Männchen und Weibchen, von hetero-norm und Kleinfamilie ist obsolet, es herrscht die totale sexuelle Freizügigkeit. Schwule Pinguine, geschlechtswechselnde Rifffische, Zwitterschnecken, Geschlechtspartner fressende Oktopusse, selbstbefruchtende Komodowarane, lesbische Japanmakaken und intergeschlechtliche Maulwürfe — dies ist nur eine kleine Auswahl der Tiere, die in diesem Buch vorgestellt werden. Was uns die Tiere bei ihrer sexuellen Vielfalt und Freiheit voraushaben? Die Diversität stört sie nicht, Artgenoss*innen werden nicht verstossen, diskriminiert oder diffamiert, nur weil sie nicht der Norm entsprechen. Das Buch zeigt wieder einmal ganz klar, dass sich der Mensch von seinem Krönung-der-Schöpfung-Selbstbild verabschieden und es ganz nüchtern betrachten sollte — sexuelle Vielfalt ist natürlich. Wer vor dem nächsten Zoobesuch dieses Buch gelesen hat, kann noch ganz viele neue Facetten der faszinierenden Tierwelt entdecken.
Matthias Schneider
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Magda Wystub, Justin Time: «Queere Tiere».
Favoriten Presse, 168 S.,
Hardcover, CHF 29 / EUR 24

Anke Feuchtenberger: «Der Spalt»
Zeitspalten
In Anke Feuchtenbergers autobiografischer Auseinandersetzung mit ihrem Aufwachsen in der DDR, dem 2023 erschienenen Genossin Kuckuck, war es das nicht Gezeichnete, das nicht Erinnerte und das Verdrängte, das ebenso viel Inhalt transportierte, wie das auf den Comic-Seiten Abgebildete. Der Spalt, Feuchtenbergers aktuellste Veröffentlichung, ist eine Sammlung verstreut erschienener Ortserkundungen, die ebenfalls autobiografische Züge tragen, wenn auch in jeder einzelnen Erzählung in unterschiedlicher Weise ausgeprägt. In Rom etwa, wohin die erste Reise führt, ist es nicht das Unbewusste, das im Zentrum steht, sondern gerade das Sichtbare, die Beschaffenheit des Ortes, die Strich für Strich nachvollzogen wird. Und doch ist der Blick geprägt von einer radikal subjektiven Sichtweise: Das Innere, Erinnerung und Gefühle, werden stets mit reflektiert. «Das Pantheon von aussen erscheint mir grösser, als ich es erinnerte. Düsterer. Da helfen auch die bunten Urlauber nicht», begleitet ein Gedankenstrom etwa Zeichnungen dieser Touristenattraktion in Rom. «Alle scheinen das Gleichgewicht verloren zu haben, keine ruhige Mitte. Suchen sie die hier?» Auch die Künstlerin scheint auf einer Suche — aus der Gegenwart Roms geht es in die eigene Vergangenheit, in die Familiengeschichte und wieder zurück ins Jetzt: «Bei dem Geschrei fällt mir ein, dass mein Enkel in Wien jetzt seinen Mittagsschlaf hält.»
Andere Ortserkundungen haben einen surrealen oder gar alptraumhaften Charakter und sind geprägt von Motiven, die man bei Feuchtenberger immer wieder findet, etwa Verwandlungen von Tieren in Menschen, wie in der titelgebenden Geschichte Der Spalt. Dort entfaltet sich eine düstere Landschaft als Erinnerungsraum, in dem sich wiederum Abgründe auftun: «Lausche auf die flappenden Flügel der Fledermäuse, welche sich aus einem Spalt im Schornstein in den Abend fallen lassen. Hunderte. Und auf die Wehklage des Welpen in einem Käfig im Nachbargarten. Kinder und Hunde wurden hier schon immer weggesperrt. So lange, bis sie nicht mehr weinen.»
Jede Erzählung in Der Spalt entfaltet ihre eigene Ästhetik, von bunt bis schwarzweiss, von realistisch bis surreal, sie alle vereint die Begegnung mit dem Ich anhand von Orten, an denen sich Spalten in der Erinnerung auftun: «Dazwischen gibt es einen Zeitspalt, in den auch ich einmal gefallen bin. Erschütterungen verursachen oft tiefe Risse.»
Jonas Engelmann
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Anke Feuchtenberger: «Der Spalt».
Reprodukt, 112 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 38 / EUR 29
Jacovitti: «Cocco Bill»
Anarchischer Spaghettiwestern
Als Benito Jacovitti einmal gefragt wurde, welche Bedeutung die allgegenwärtigen Salami-Würste in seinen Comics hätten, antwortete er trocken, er habe sie nur erfunden, damit ihn eines Tages ein Journalist danach fragen könne. Diese Anekdote bringt das Werk des italienischen Zeichners auf den Punkt: Jacovitti war ein Meister der kalkulierten Sinnlosigkeit, ein anarchischer Humorist, der Konventionen nicht unterlief, sondern ignorierte.
Jacovitti (1923—1997), von Zeitgenossen als grosser, wuchtiger Mann mit eruptivem, unbändigem Humor beschrieben, glaubte nicht an Anatomie oder Proportionen. Zu lange Beine seien schlicht komischer, eine überdimensionierte Nase ausdrucksstärker als jede realistische Darstellung. Seine
Vignetten sind so exzessiv wie sein Charakter: überfüllt mit unvorhersehbaren Details, bevölkert von Knochen, die aus dem Boden wachsen, und eben — Salami-Würste. Verleger Johann Ulrich nennt die übervolle Grafik «schlichtweg Wahnsinn». Jeder Strich bestehe aus unzähligen kleinen Linien, kaum ein Fleck bleibe ungenutzt.
Cocco Bill entstand 1957 als Kinderbeilage der Mailänder Zeitung Il Giorno und entwickelte sich rasch zu Jacovittis bekanntester Figur, mit der mehrere Generationen italienischer Kinder grossgeworden sind. Der Cowboy mit dem unerschütterlichen Moralgefühl, der aber nie moralisiert, und lieber Kamillentee statt Whiskey trinkt, wurde später sogar Maskottchen eines Speiseeis-Herstellers. Trotz zahlreicher Prügeleien und Schiessereien bleibt der Western untypisch: Niemand blutet, niemand stirbt. Stattdessen raucht sein Pferd, Indianer sprechen neapolitanisch. Cocco ist Kindersprache für «Liebling» oder «Schatz» und steht im Gegensatz zum typischen Western-Namen Bill. Genau wie die Bilder ist auch Jacovittis Sprache — im Originaltext — äusserst anarchisch und humorvoll mit verschiedenen italienischen Dialekten geschmückt. Die Panels sind bis zum Rand gefüllt. In den Zwischenräumen der Handlung tummeln sich Figuren, die nichts mit der Geschichte zu tun haben. Die Geschichten leben von Action, die aus den dynamischen Bewegungen und den grosszügig eingesetzten Speedlines entsteht.
Der vorliegende Band versammelt frühe Abenteuer aus den Jahren 1957 bis 1964 und zeigt Jacovittis respektlosen Humor. Die Comics waren seiner Zeit voraus und sind ein Gegenentwurf zu den ernsten, belehrenden (Western-) Comics jener Epoche. Cocco Bill liest sich heute als Comic aus einer anderen Zeit, in der Humor alle Stränge sprengt und so frei von Regeln ist wie der Wilde Westen selbst.
Giovanni Peduto
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Jacovitti: «Cocco Bill».
Avant Verlag, 224 S.,
Hardcover, Grossformat, farbig,
CHF 68 / EUR 50
Minetaro Mochizuki: «No Comic No Life 1»
Warten auf die zündende Idee
Mochitaro Minezuki ist fünfzig, Mangaka, seine Karriere ist ins Stocken geraten, an frühere Erfolge scheint er nicht anknüpfen zu können, auch an Ideen fehlt es ihm. Er ist aber auch Vater geworden und kümmert sich um seinen Sohn.
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Eine typische Künstler-Midlife-Crisis also? Ja, doch Minetaro Mochizuki — die Ähnlichkeit der Namen verdeutlicht die Verwandtschaft von Autor und Protagonist — macht kein Drama daraus, sondern vielmehr einen Streifzug durch einen unspektakulären Alltag und ein, nun, ebenfalls ziemlich unspektakuläres Innenleben.
Bekannt ist Mochizuki vor allem dank seiner atmosphärisch eigenwilligen Endzeitgeschichte Dragon Head und des wunderbaren Slice-of-Life-Mangas Chiisakobee. Er ist insofern ein ungewöhnlicher Mangaka, als er sich trotz seiner Erfolge künstlerisch am Rand oder womöglich sogar ausserhalb des Manga-Mainstreams bewegt: Sein Strich ist sauber, klar, nicht auf Dynamik ausgelegt, seine Erzählweise wirkt nüchtern und lakonisch, sein Humor ist trocken.
Die 21 maximal zehn Seiten kurzen Vignetten, die Mochizuki in No Comic No Life versammelt, nennt er Essays. Darunter versteht er die Aufzeichnung der Gedanken, Erinnerungen und Bilder, die ihm beim Warten auf eine zündende Idee am Schreibtisch, auf Spaziergängen oder beim Spielen mit seinem Sohn durch den Kopf gehen. Das hat viel mit seinem Leben zu tun: Mit seiner Frau, ihrem Fimmel für ihr Playboy-Trinkglas und ihrer Manie, ihrem Gatten stets den gleichen altmodischen Haarschnitt zu verpassen, mit den imaginierten Superkräften und den tatsächlichen Allergien seines Sohns, mit seinem Älterwerden, seiner schöpferischen Krise, seinen Erinnerungen an die Motorräder seiner Jugend, aber auch seiner Obsession für Schuhe.
Was seine früheren Werke vermuten liessen, bestätigt sich: Mochizuki ist ein Autor, der nicht ganz in die moderne japanische Gesellschaft und Kultur passt. Dieses Unbehagen, das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, das diese Alltagsaufzeichnungen durchwirkt, spricht Mochizuki ohne Pathos und Selbstmitleid, dafür mit eleganter Leichtigkeit und leiser Selbstironie an und zeichnet es mit seinem kühlen Strich auf. Sein Blick auf die Welt, auf die Gegenwart, auf die Gesellschaft, auf sich selbst und seine Kernfamilie ist immer leicht schräg, überraschend und irrlichtert zwischen Distanziertheit und Intimität.
No Comic No Life ist sehr persönlich, doch die Anekdoten, die Mochizuki schildert, sind dank ihrer Alltäglichkeit universal genug, um wiedererkennbar zu sein. Grosse Antworten auf seine existenziellen Fragen liefert Mochizuki keine, vermutlich hat er sie (noch) nicht gefunden — seine kleinen Geschichten enden oft überraschend und abrupt, vor einer abschliessenden Betrachtung. Das verleiht No Comic No Life den sympathischen Anstrich eines Notiz- oder Skizzenbuchs.
Christian Gasser
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Minetaro Mochizuki: «No Comic No Life 1».
Aus dem Japanischen von Daniel Büchner,
Reprodukt, 240 S.,
s/w, CHF 26 / EUR 20

Anders Nilsen, «Tongues»
Die Geschichte der Menschheit
(wird fortgesetzt)
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Tongues ist kein gewöhnlicher Comic im amerikanischen Format, sondern ein grosses, wunderschönes, vollfarbiges Kunstwerk: eher ein Künstlerbuch mit aufwendigem Design, sogar mit gestanzten Einlagen! Ich war sofort nicht nur von der Ästhetik, sondern auch von der Geschichte fasziniert, die die Leser*innen mitten ins Geschehen wirft — in eine vom Krieg zerrüttete Landschaft irgendwo in Zentralasien. Die erste Ausgabe stellt eine ungewöhnliche Gruppe von Charakteren vor: Den mythischen Prometheus und den «Gefängniswärter»-Adler, der seine eigene Leber frisst; ein junges ostafrikanisches Mädchen, das eine kosmische Last zu tragen scheint und mit Vögeln sprechen kann; einen verlorenen amerikanischen Slacker, der mit einem Teddybären auf dem Rücken eine staubige Strasse entlangwandert.
In den letzten sechs oder sieben Jahren hat Nilsen fünf weitere Ausgaben von Tongues veröffentlicht. Langjährige Leser*innen, die an seine minimalistischen und überwiegend schwarzweissen Werke gewöhnt sind, werden nicht nur von den üppigen, leuchtenden Farben überrascht sein, sondern auch vom detailreichen, fast schon barocken Seitendesign. Wie viele seiner Werke, darunter auch Big Questions, ist Tongues langsam erzählt, anspielungsreich, schwer fassbar und philosophisch — allerdings ohne die Insignien der akademischen Philosophie.
Alle sieben Bände sind nun in einem schönen Hardcover-Band zusammengefasst, der das aufwendige Design der Originalmagazine beibehält. (Ein grosses Lob an Pantheon für die grossartige Produktion!) Die Kerngeschichte, die aus mehreren miteinander verwobenen Handlungssträngen besteht, ist nicht schwer zu verfolgen, lässt sich jedoch nicht leicht zusammenfassen: Die Leser*innen sind eingeladen, aus den spärlich angebotenen Fragmenten eine tiefere Bedeutung zusammenzusetzen. Offensichtliche Gegensätze tauchen immer wieder auf: Technologie und Natur, Mechanismus und Organismus, Sprache und Bedeutung, Menschlichkeit und Göttlichkeit, Krieg und Frieden, Freundlichkeit und Gewalt, das Alltägliche und das Bizarre. Nichts löst sich auf klare Weise auf.
Seit seinen frühesten Minicomics vor Jahrzehnten bin ich immer wieder von Nilsens Werk fasziniert. Er experimentiert unermüdlich mit dem Wesen von Comics und grafischem Storytelling — wie sich Geschichten entfalten, wie Seiten funktionieren —, jedoch auf subtile, unaufdringliche Weise. Seine Arbeit reiht ihn ein in die Reihe englischsprachiger Formalisten wie Chris Ware, Richard McGuire oder früherer Erfinder wie Winsor McCay und Lyonel Feininger, jedoch mit einem anderen Temperament und einer anderen, eher philosophischen als ästhetischen Absicht. Die intellektuelle Suche spiegelt sich in der grafischen Struktur wider: vielschichtig, rekursiv und unbeeinflusst von linearer Kausalität.
Die Sammelausgabe trägt den bezeichnenden Titel «Band Eins». Am Ende wird klar, dass wir nur einen kleinen Einblick in eine umfassende Untersuchung von Bedeutung, Mythologien und dem Verlauf der Menschheitsgeschichte erhalten haben — von den Anfängen der Menschheit in Ostafrika bis hin zu unseren heutigen globalen Konflikten und ideologischen Auseinandersetzungen. Nilsen behandelt all dies mit Leichtigkeit in einem Cartoon-Stil, der zutiefst … unterhaltsam ist. Angesichts der langen, langsamen Veröffentlichungsrhythmik von Tongues warte ich mit prometheischer Geduld auf die Fortsetzung — und zähle die Tage.
Mark David Nevins
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Anders Nilsen, «Tongues».
Pantheon, 2025, in englischer Sprache, 368 S.,
Hardcover, farbig, 35 $
Ausserdem: «Tongues»,
sechs Ausgaben plus «Supplement No. 1»,
herausgegeben vom Autor
AUTORTITELXXXXXXXXXX
Der Weg zur Bombe
Wie kamen wir zu der Massenvernichtungswaffe, die die Menschheit seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedroht, der Atombombe?
Auf über 450 Seiten erzählen Didier Alcante, Laurent Frédéric Bollée und Denis Rodier über eine Zeitspanne von grob zehn Jahren von dieser unumkehrbaren, schicksalshaften Entwicklung. Alcante und Bollée haben das unglaublich detailreich recherchierte Szenario geschrieben, das Denis Rodier, in zeichnerischer Disziplin an Superhelden-Comics geschult, in seinen schwarzweissen, nicht minder um Genauigkeit bemühten Zeichnungen umgesetzt hat.
Bei ihrem Ziegelstein an Comic — 1.5 Kilo wiegt der Softcover-Band — fallen einem gleich mehrere andere bedeutende Comics ein: Zum einen From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell. Dort definiert der Autor Jack the Ripper als Gründungsvater des Zeitalters der Massenvernichtung im 20. Jahrhundert, so wie in Die Bombe der chemische Stoff Uran als das Urböse als Erzähler auftritt. Zum anderen Berlin von Jason Lutes, der den Aufstieg der Nazis in Deutschland bis 1933 begleitet, das Jahr, in dem Die Bombe in Deutschland mit seiner Erzählung beginnt. Und schliesslich und am offensichtlichsten gemahnt Die Bombe an den autobiografischen Manga Barfuss durch Hiroshima von Keiji Nakazawa aus den 1970er-Jahren — in den 1980er-Jahren der erste in Deutschland verlegte Manga — der den Opfern der Bombe auf weit über 1000 Seiten ein Denkmal gesetzt hat.
Die Bombe geht einen ganz anderen erzählerischen Weg, baut aber auch eine kleine Geschichte um die Opfer in Hiroshima ein — der einzige fiktive Erzählstrang des Comics. Ansonsten spielt sich die Geschichte zwischen Deutschland, England und den USA ab, denn hier geht es vor allem um die wissenschaftliche, logistische, militärische und politische Entstehungsgeschichte der ersten Atombombe. Forschung, Politik, Sabotage, Krieg und Spionage sind die treibenden Kräfte dieser Geschichte, die die Autoren trotz ihrer Komplexität in eine nachvollziehbare Erzählung fliessen lassen. Bei allem Schrecken, den der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki auslöst mit den unzähligen zivilen Opfern, und das kurz vor der absehbaren Kapitulation Japans, begleitet einen beim Lesen ein ambivalentes Gefühl. Denn im Wettlauf der Entwicklung der Atombombe ist man als Leser*in immer wieder hin-und hergerissen, fiebert den Fortschritten der Amerikaner entgegen, weil es ja schliesslich darum geht, zu verhindern, dass Hitler und die Nazis diese Waffe entwickeln. Die späten Warnungen und zu späten Gewissensbisse einiger der beteiligten Wissenschaftler sind dieser Ambivalenz geschuldet, der sich der Comic nicht entzieht. Das ist neben der akkuraten und auch spannenden Darstellung von Geschichte und Zusammenhängen eine weitere Qualität des Comics, der jetzt bei Carlsen in einer Softcover-Ausgabe erschienen ist.
Christian Meyer-Pröpstl
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Alcante/Bollee/Rodier: «Die Bombe».
Carlsen, 472 S.,
Softcover, s/w, ca.
41.90 CHF / EUR 28
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Plüschmann wittert Blut
Friedwart Plüschmann, dreibeinige Promenadenmischung, ist in höchster Not, als er mit letzter Kraft an der Tür des einsam im Wald gelegenen Hauses kratzt. Zwei fiese Waschbären sind hinter ihm her und haben ihn schon beinahe am Schlafittchen. Erst im allerletzten Moment öffnet Rosa, die keinen Wert auf Besuch legt. In Strickjacke und Pantoffeln steht die verschrobene alte Dame im Türrahmen und ragt, gezeichnet aus der Perspektive der Waschbären, bedrohlich empor. Statt eines Gewehrs hat sie einen Besen fest im Griff — und damit fegt sie die beiden fauchenden Waschbären in hohem Bogen von ihrer Türschwelle. Der drollige kleine Hund mit dem braunen Haarbüschel auf dem Kopf ist ganz aus dem Häuschen — bzw. jetzt drin, und geht Rosa auf den folgenden Seiten gehörig mit seiner hibbeligen Begeisterung auf den Wecker. Aber dann wittert Friedwart Blut, und zwar an einem Kleidungsstück, das Rosa in einer Kammer aufbewahrt, zusammen mit Fotos und Zeitungsartikeln über einen 30 Jahre zurückliegenden tragischen Unfall. Der angeblich nackt im Schnee erfrorene Mann hiess Red, sein Tod wurde nie wirklich aufgeklärt und Rosa glaubt nicht an einen Unfall. Nun wittert sie die Chance, den rätselhaften Todesfall mit Hilfe von Friedwart Plüschmann und seiner Spürnase wieder aufzurollen. Das ungleiche Duo nimmt die Spur in diesem Cold Case auf und scheucht illustre Halbwelt-Gestalten aus Rosas Vergangenheit auf.
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Die Leipzigerin Josephine Mark (Murr, Trip mit Tropf) erzählt witzig und pointiert in ihrem neuen Comic Red eine Krimi-Komödie mit überraschenden Wendungen und einem Personal aus schrulligen Figuren. Der grantig wirkenden Rosa etwa hat Mark anstelle von Augen eine waagrechte Linie unterhalb der Stirn verpasst, so als zöge Rosa permanent die Brauen zusammen. Der Laborarzt trägt ovale, spiegelnde Brillengläser im
Gesicht, ohne Rahmen oder Bügel, dazu Pullunder, Hasenpantoffeln und stets eine Alkoholfahne. Lester, dem windigen Betreiber der Pony-Revue, spriessen schwarze Bartpunkte unterhalb des getrimmten Schnurrbarts. Gangsterbraut Hazel, die
eigentliche Strippenzieherin, trägt Kussmund und verwegenen Blick.
Red wendet sich an Leser*innen ab zwölf Jahren. Mit seiner feinen Balance zwischen Niedlichkeit und schwarzem Humor, dazu einer Spur Fargo, macht dieser Cold-Case-Comic aber auch weit jenseits der Teenie-Grenze Spass.
Barbara Buchholz
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Josephine Mark: «Red».
Kibitz-Verlag, 248 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 35 / EUR 26

Blexbolex: «Le Temps du Capitaine Brett»
Piraten mit Fadenbindung
Die illustrierten Bücher und Comics von Blexbolex sind wie Zeitkapseln, die bei Leser*innen längst verloren geglaubte Gefühle hervorrufen. Es ist, als ob man eine Kiste auf dem Dachboden öffnet, und darin unerwartet ein Buch wiederfindet, mit dem man seine ganze Kindheit oder Jugend verbindet. Ein verloren geglaubter Schatz, der plötzlich wieder absolut präsent ist, dessen Seiten und Illustrationen unzählige Male betrachtet wurden, und die mit verschiedensten Emotionen verbunden sind. Auf den ersten Blick könnte Le Temps du Capitaine Brett von Blexbolex tatsächlich aus vergangenen Zeiten stammen, sowohl optisch als auch haptisch. Der hochwertige Druck, die Fadenbindung des Buches als auch das nicht reinweisse Papier verleihen der Publikation eine leicht nostalgische Note, die sowohl die Illustrationen als auch die Geschichte begleiten. Nicht Capitaine Brett ist die Hauptfigur, sondern der Erzähler, der kleine aufgeweckte Junge Hyéronimus Perthius, der bei seinem skurrilen Onkel seine Sommerferien verbringt. Als Hyéronimus die Stadt erkundet, wird er bei einem Spaziergang am Fluss von dem Piratenkapitän Brett entführt und kurzerhand in dessen Mannschaft geschanghait. Nicht weniger unheimlich als der Kapitän mit seinem grinsenden Totenkopfgesicht sind die weiteren Crewmitglieder: das asiatisch anmutende Mädchen mit dem weissen Maskengesicht, oder die Katze im Matrosenanzug. Unser Protagonist reagiert erst ängstlich, dann fasziniert auf die verschworene Gemeinschaft der Piratenbande. Und erstaunlicherweise findet er sich in ihrer Gesellschaft leichter zurecht, als in der bildungsbürgerlichen Schicht seines Onkels. Blexbolex ordnet seine Illustrationen und den handschriftlichen Text keinem Gestaltungsprinzip unter, jede einzelne Seite ist individuell und auf die beste visuelle Wirkung ausgerichtet. Le Temps du Capitaine Brett ist ein Buch über die Adoleszenz, die Zeit in der man Grenzen austestet, fasziniert ist von dem Verbotenen und Unheimlichen, und dabei noch immer fast ein Kind ist. Dies vermittelt Blexbolex meisterhaft, sowohl in seinen Illustrationen als auch in der Narration. Eines der schönsten illustrierten Bücher seit langem.
Matthias Schneider
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Blexbolex: «Le Temps du Capitaine Brett».
La Partie, in französischer Sprache, 168 S.,
Softcover, farbig, CHF 41 / EUR 24.90
Scott Snyder, Nick Dragotta: «Absolute Batman», Band 1—3.
Kelly Thompson, Hayden Sherman: «Absolute Wonder Woman», Band 1 & 2.
Deniz Camp, Javier Rodríguez: «Absolute Martian Manhunter», Band 1.
Jason Aaron, Rafa Sandoval: «Absolute Superman», Band 1—3.
Absolut erfrischende Reboots
Was macht man mit fast hundert Jahre alten, aber weiterhin erfolgreichen Figuren? Man rebootet sie. DC etablierte dieses Prinzip früh: 1961 erklärte Flash of Two Worlds (Flash #123) mithilfe des Multiversums das Nebeneinander alter und neuer Heldenversionen, 1985 radikalisierte Crisis on Infinite Earths diesen Ansatz durch die Verschmelzung aller Welten zu einer einzigen Erde mit neuen Ursprüngen. Seither nutzt DC Reboots regelmässig — zur inhaltlichen Erneuerung ebenso wie für neue Erstausgaben mit gesteigertem Sammlerwert.
Seit Ende 2024 (auf Deutsch ab Sommer 2025) werden DCs Ikonen im Absolute-Universum radikal neu erzählt — losgelöst von der bestehenden Kontinuität, angesiedelt in einem Paralleluniversum. Unter dem konzeptionellen Einfluss von Scott Snyder agieren Figuren wie Batman, Wonder Woman oder Superman in einem veränderten sozialen und politischen Kontext, befreit von vertrauten Mythen und Symbolen. Tonfall und Ästhetik sind härter, kantiger und zeichnerisch oft experimentell.
Absolute Batman (Scott Snyder/Nick Dragotta) zeigt Bruce Wayne nicht als Milliardär, sondern als jungen Mann aus der Arbeiterklasse. Der Fokus liegt auf Wut, Trauma und körperlicher Präsenz statt auf Hightech und Detektivarbeit. Dragottas massiv überzeichneter Stil mit Manga-Einflüssen macht Batman zur monströsen Figur in einer erdrückenden Stadt. In Absolute Wonder Woman (Kelly Thompson / Hayden Sherman) wächst Diana in der Hölle auf. Sie wird zur zerrissenen Figur zwischen Mythos, Magie und Menschlichkeit. Shermans farbintensiver, stilisierter Strich ist stark von Fantasy-Illustration geprägt. Den experimentellsten Beitrag liefert Absolute Martian Manhunter (Deniz Camp / Javier Rodríguez): Ein marsianisches
Bewusstsein verschmilzt mit einem menschlichen FBI-Agenten. Innere Monologe, Erinnerungssplitter und Entfremdung ersetzen klassische Superheldenaction. Rodríguez visualisiert dies mit abstrakten Formen, fliessenden Farben und fragmentarischen Panel-Aufteilungen. Absolute Superman schliesslich zeigt Clark Kent nicht als Hoffnungssymbol, sondern als Einwanderer und Aussenseiter, der gegen ein korruptes System ankämpft, in einer Welt, die ihm misstraut.
Man kann diese Neuanfänge als reines Geldmachen abtun. Die Absolute-Reihe gehört jedoch zum Erfrischendsten unter den neueren DC-Veröffentlichungen. Auch die Verkaufszahlen geben dem Verlag recht: Alle vier Titel zählten 2025 in den USA zu den meistverkauften Comic-Alben.
Giovanni Peduto
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Scott Snyder, Nick Dragotta: «Absolute Batman», Band 1—3.
Kelly Thompson, Hayden Sherman: «Absolute Wonder Woman», Band 1 & 2.
Deniz Camp, Javier Rodríguez: «Absolute Martian Manhunter», Band 1.
Jason Aaron, Rafa Sandoval: «Absolute Superman», Band 1—3.
Panini Verlag, Hard- oder Softcover,
farbig, CHF 15—28 / EUR 9.99—20
V.Tammjärv / A.& B. Strugatzki: «Hotel Zum verunglückten Alpinisten»
Im Hotel «Zum verunglückten Alpinisten»
«Was sehen Sie mich so an? Ich habe richtig gehandelt. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Ich bin verpflichtet, Paragraphen zu folgen», erklärt der Polizeiinspektor Glebsky seine Rolle in einem mysteriösen Fall um Morde und wiederauferstandene Tote, Ausserirdische und das geheimnisvolle «Hotel zum verunglückten Alpinisten». In dieses abgelegene Berghotel war der Polizist gerufen worden, ein falscher Alarm, wie sich schnell herausstellt, und doch ist in Veiko Tammjärvs 2020 in Estland erschienenen und nun auch auf Deutsch vorliegenden Comic von Anfang an klar, dass in diesem Hotel eine permanente Alarmstimmung herrscht. Düstere Bilder in wechselnder Farbgebung bestimmen die Seiten, die mehr andeuten als abbilden. Der brave Polizist, der «nur Paragraphen folgt», ist überfordert mit der Situation, verdächtig sind ihm nach einem nächtlichen Mord alle Gäste, und er verrennt sich in Verhören und Verdächtigungen. «Inspektor, begreifen Sie doch! Das sind keine Menschen, sondern Planetenbesucher», versucht irgendwann ein Gast die Situation zu erklären, doch selbst dann beharrt Glebsky noch auf seiner Pflichterfüllung als Polizist und ruft Verstärkung.
Veiko Tammjärvs Comic Hotel zum verunglückten Alpinisten basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Arkadi & Boris Strugatzki, der 1970 auf Russisch erschien und 1979 in Estland verfilmt wurde. Wie so oft in osteuropäischen Science-Fiction-Romanen jener Jahre, dient die Story dabei der subtilen Kritik an den realen gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen weder die Kunst noch die Menschen sich frei entfalten können. Diese bedrohliche Atmosphäre, in denen Fremde per se verdächtig sind und jeder ins Visier der Staatsgewalt geraten kann, überträgt Veiko Tammjärv mit vielen Anspielungen auf die Pop Art der Entstehungszeit in seine Comic-Adaption, die den ratlosen Inspektor Glebsky durch die surreale Welt des Berghotels begleitet. Die Unfreiheit der Menschen im Hotel wird auf verschiedenen Ebenen gespiegelt: Das
Tageslicht verschwindet nach wenigen Seiten und Dunkelheit kehrt in die Räumlichkeiten ein, eine Lawine schneidet das Hotel von der Aussenwelt ab und in den Zeichnungen scheint die Architektur mit ihren gitterförmigen Kacheln und Wandverkleidungen die Bewohner geradezu gefangen zu halten. Als die Ausserirdischen dieser Enge und Dunkelheit in das erste Licht des Morgens entkommen, lässt Glebsky sie von einem herbeigerufenen Hubschrauber zur Strecke bringen. Das Fremde darf in seiner Welt der Pflichterfüllung und Paragraphen nicht bestehen. «Alles war vorbei. Ein betäubendes Gefühl von Gleichgültigkeit überkam mich», denkt Glebsky nach dem Tod der Ausserirdischen, eine Gleichgültigkeit, die sich glücklicherweise nicht auf die Leser von Veiko Tammjärvs dichtem und beeindruckendem Hotel Zum verunglückten Alpinisten überträgt.
Jonas Engelmann
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Veiko Tammjärv / Arkadi & Boris Strugatzki: «Hotel Zum verunglückten Alpinisten».
Voland & Quist, 128 S.,
Klappenbroschur, farbig,
CHF 39 / EUR 30

Line Steen: «Die kochenden Affen»
Wem gebührt das schönste Steak?
Zahlreich sind die Erklärungen, Fakten und Mutmassungen, warum ausgerechnet eine bestimmte Untergattung der Hominiden als Einzige Entwicklungen durchmachte, die sie zum heutigen Menschen formte. Der Daumen gehört dazu, die Fähigkeit, sich Werkzeuge auszudenken, der aufrechte Gang, die frühe Geburt und lange Kindheit, die eine oder andere genetische Mutation, klimatische Veränderungen. Und natürlich die Beherrschung des Feuers, und das Kochen. Alles hängt irgendwie zusammen, aber das Kochen von Fleisch und Pflanzen war entscheidend: Es ermöglichte die Aufnahme von mehr Energie in kürzerer Zeit. So wuchs das Gehirn, und der frühe Mensch nutzte die nicht mit stundenlangem Kauen von Rohkost vertrödelte Zeit, um immer neue Werkzeuge zu erfinden und Sprachen und Schmuck und Götter und Begräbnisriten und so weiter.
Was war zuerst: Das Kochen oder der Mensch? Welche Rolle spielte das Kochen für die menschliche Evolution? Diese Ausgangsfragen führen wie rote Blutbahnen durch Tine Steens Die kochenden Affen. In diesem grafischen Essay führt uns die Autorin, die ursprünglich aus dem Kunstbereich stammt und sich zur Comic-Zeichnerin evolvierte, in die Frühzeit der Menschen zurück und erzählt mit viel Wissen, Verve und Humor, wie aus diesem schwächlichen Wesen in Afrikas Savannen der Mensch wurde, wie wir ihn heute kennen.
Tine Steen vermittelt diese Geschichte anschaulich und unterfüttert mit soliden wissenschaftlichen Fakten. Sie ist aber keine Wissenschaftlerin mit eindeutigen Überzeugungen, sondern spielt mit den unterschiedlichen Theorien und stellt sie einander gegenüber, mitsamt Widersprüchen. Interessant ist Die kochenden Affen auch, weil Steen ihre Ausgangsfragen in grössere Zusammenhänge stellt: Wie hängt das Kochen mit den sozialen Hierarchien und Geschlechterrollen zusammen, die sich in den frühen menschlichen Gemeinschaften herausbildeten? Wer kriegte die schönsten Fleischstücke und warum? Immer wieder verknüpft sie die Urgeschichte mit unserer Gegenwart und geizt nicht mit launigen Metakommentaren.
Tine Steens Ansatz und seine visuelle Umsetzung gemahnen indes stark — phasenweise sehr stark — an die erfolgreichen Essays von Liv Strömquist. Wäre Die kochenden Affen inhaltlich weniger originell und überzeugend, könnte diese Nähe störend wirken. Aber Line Steens wilder Ritt durch die Urgeschichte ist so unterhaltsam, so witzig, so informativ, so bereichernd, dass man diese Nähe beim Lesen vergisst — und eintaucht in diese wichtige Phase der Evolution unserer Spezies. Und dann, zurück in der Küche, betrachtet man Herd und Pfannen und Besteck und die Nahrungsmittel aus dem Kühlschrank ganz anders.
Christian Gasser
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Line Steen: «Die kochenden Affen».
Avant-Verlag, 296 S.,
Flexcover, farbig,
CHF 39 / EUR 29
Judith Kranz: «Soma»
Soma
Die Eröffnung erinnert an Panzerung von Luc und François Schuiten, dort schützen sich die Menschen mit einer Metallpanzerung vor einer verseuchten Welt. Stück für Stück nehmen dann ein Mann und eine Frau die Metallteile ab, unter denen ihre Haut zum Vorschein kommt. Doch anstelle der erhofften Erotik folgt ein Angriff von Ungeziefer auf die beiden Körper. Soma von Judith Kranz mutet zunächst wie die Niedlich-Variante davon an: Wesen in Ganzkörperanzügen, die ein wenig aussehen wie ein Winteroveralls für Babies, laufen auf eine Lichtung zu. Ihre Gesichter sind bedeckt von Masken mit geometrischen Mustern. Eines der Wesen entkleidet sich, im Nabel wird eine zarte Pflanze sichtbar. Mit der Pflanze nach oben legt sich das Wesen in eine Kuhle und wird dann begraben, so dass nur noch die Pflanze herausschaut. In Rückblenden erzählt der Comic nun von der Freundschaft von Lan und Iri, die von klein auf Freunde sind, sich aber zunehmend auseinandergelebt haben in einer regressiven, dystopischen Gesellschaft, die nur einen Weg sieht, in der verseuchten Welt zu überleben: Es müssen Opfer gebracht werden.
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In den 1970er-Jahren hatten Umwelt-Dystopien eine Hochphase. Der Bericht des Club of Rome von 1972 enthielt deutliche Warnungen zum nachhaltigen Umgang mit dem Planeten. Comics, aber auch Filme wie Logans Run griffen das Thema auf, inklusive eines drohenden Totalitarismus in Angesicht der Ressourcenknappheit und der Idee von Menschenopfern. Judith Kranz spielt dieses heute viel realistischere Szenario in einer entrückten Phantasiewelt durch, in der vom Menschen abstrahiert wird und auch von dem Schrecken, da ihre Bleistiftzeichnungen — offensichtlich von der Lehre Anke Feuchtenbergers geprägt — eine freundliche Oberfläche zeigen. Sogar die Herrschenden sind hier traurig über ihre unheilvollen Taten. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieser am Ende dann doch sehr kühlen Welt: Dass an die Stelle von Schrecken die Melancholie in Anbetracht des Verlustes tritt.
Christian Meyer-Pröpstl
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Judith Kranz: «Soma».
Reprodukt, 192 S.,
Hardcover, s/w,
CHF 42 / EUR 29
Keum Suk Gendry-Kim: «Mein Freund Kim Jong-un
Mein Freund Kim Jong-un
Die Teilung der koreanischen Halbinsel hat auf beiden Seiten tiefe Spuren hinterlassen. Viele Familien leben bis heute getrennt und staatlich organisierte Wiedersehen fanden zuletzt 2018 statt. Zugleich halten die Spannungen an — Nordkorea testet regelmässig Raketen, Südkorea antwortet mit eigenen Militärmanövern. Diese Spannungslage bekommt die Comic-Autorin Keum Suk Gendry-Kim unmittelbar zu spüren: Sie lebt auf der südkoreanischen Insel Ganghwado, unweit der Grenze und der entmilitarisierten Zone. Wenn Militärübungen stattfinden, dröhnen die Artilleriesalven bis in ihr Wohnzimmer. Mit dieser Situation eröffnet Gendry-Kim ihre neueste Graphic Novel und findet für die bedrückende Stimmung ein starkes Bild: Sie rennt durch eine offene Leere, bis sie ein schmaler Schlitz verschluckt. Dieser entpuppt sich als die Demarkationslinie, die Norden und Süden spaltet. Auch später findet sie starke Bilder: Als sie mit einer Nordkoreanerin spricht, spiegelt sich der Stacheldrahtzaun auf den Körpern der beiden. Auf diese Gefühlslage spielt der Titel Mein Freund Kim Jong-un an. Natürlich kennt die Autorin Kim Jong-un nicht persönlich, doch seine mediale Präsenz beschäftigt viele Menschen in Südkorea. Daher begibt sich Keum Suk Gendry-Kim auf eine comic-journalistische Spurensuche zum Verhältnis von Nord- und Südkorea. Zwar schildert Keum Suk Gendry-Kim durchaus eigene Erfahrungen und stellt auch den Aufstieg Kim Jong-uns und seiner Familie vor. Doch im aktuellen Teil fokussiert sie sich auf Interviews mit Expert*innen, Diplomat*innen, Politikern und nordkoreanischen Überläufer*innen sowie mit dem ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in. So gewinnt sie einige individuelle Perspektiven, die das grosse Bild abrunden: Im direkten Austausch zwischen Moon und Kim etwa habe es durchaus Momente der Annäherung gegeben, doch seien beide Staatsoberhäupter auch innenpolitischen Zwängen unterworfen. Grafisch setzt Gendry-Kim auf Reduktion aufs Wesentliche: Die zweifarbige Palette aus Blau und Grau-Lila wird dezent eingesetzt; bei anonymen Informant*innen lässt sie die Gesichter weg. Trotz dieser Sparsamkeit vermittelt sie ein anschauliches Bild, wie Menschen auf beiden Seiten mit der Trennung leben. Die literarische und grafische Dichte ihres Meisterwerks Gras (vgl. STRAPAZIN Nr. 137) erreicht Mein Freund Kim Jong-un jedoch nicht ganz. Der Gesamteindruck bleibt etwas episodenhaft. Doch die Autorin überzeugt durch ihre klare Haltung: «Dieses Buch trägt eine Botschaft der Dringlichkeit für den Frieden in sich.» Besonders im
poetischen Schlusswort ist dieses Votum unüberhörbar.
Florian Meyer
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Keum Suk Gendry-Kim: «Mein Freund Kim Jong-un».
Avant Verlag, 288 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 49 / EUR 32
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Biografien
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Nando von Arb
*1992 in Zürich, seit 2012 ist er ausgebildeter Grafikdesigner. 2018 schloss er sein Studium in Illustration Fiction an der Hochschule Luzern — Design & Kunst ab. Anfang 2019 erschien seine erste Graphic Novel Drei Väter bei Edition Moderne, für die er unter anderem mit dem Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde. Zwischen 2019 und 2020 lebte und arbeitete er in Gent, Belgien, wo er gleichzeitig seinen Master in Bildender Kunst in Illustration an der Hochschule der Künste LUCA erwarb. Seit Ende 2020 ist er wieder in Zürich und arbeitet als freischaffender Illustrator und Comic-Autor. 2023 erschien seine zweite Graphic Novel Fürchten lernen, die u.a. mit dem Max und Moritz-Preis 2024 für den besten deutschsprachigen Comic ausgezeichnet wurde. Er ist Mitherausgeber von STRAPAZIN.
nandovonarb.ch
@nandovonarb
Henning Wagenbreth
*1962 in Eberswalde (DDR), arbeitet als Illustrator und Grafiker, entwirft seine eigenen Schriften, versteht manuelle und industrielle Drucktechniken als wichtigen Teil seiner gestalterischen Arbeit, illustriert und gestaltet Bücher, Plakate, Zeitungen und Magazine, in Grössen von Briefmarken bis Riesenpostern. Wagenbreth gründete 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, zusammen mit Anke Feuchtenberger, Holger Fickelscherer und Detlef Beck die Berliner Künstlergruppe PGH Glühende Zukunft. Seit 1994 unterrichtet er als Professor an der Universität der Künste Berlin. Er ist seit den Neunzigerjahren häufig in STRAPAZIN mit seinen Geschichten präsent.
wagenbreth.com
@henningwagenbreth
Isabelle L. & M.S. Bastian
*1967 in Biel und *1963 in Bern. Isabelle L. besuchte den Vorkurs und die Fachklasse für Grafik an der Schule für Gestaltung Biel. War Grafikerin in diversen Werbeagenturen. Aufenthalt in Los Angeles und Austin, USA. Flight Attendant bei Swissair. M.S. Bastian besuchte den Vorkurs und die Fachklasse für Grafik in Biel. Jahresaufenthalte in New York und Paris. Seit 1993 ist er freischaffender Comic-Künstler. Nach einer Weltreise 2003 Rückkehr der beiden nach Biel. Ab 2000 projektbezogene, seit 2004 ständige Zusammenarbeit. Sie publizierten lllustrationen und Comics in Magazinen und Zeitungen wie z.B. WoZ — Wochenzeitung, NZZ Folio, Le Monde diplomatique, STRAPAZIN.
@msbastianisabellel
Nadine Spengler
*1972, arbeitet als selbständige Grafikerin und Illustratorin in Zürich. Am liebsten arbeitet sie auf Papier und experimentiert mit Drucktechniken. Gemeinsam mit Siebdrucker Axel Friedrich betreibt Spengler die Werkstatt Pipifax in Lenzburg, wo sie Hefte, Bücher und Schachteln in Kleinauflagen drucken, prägen, stanzen und heften. Ausserdem ist sie Dozentin für Zeichnen,
Illustration und Druck an der ZHdK in Zürich, an der HSLU in Luzern und an der F+F Schule in Zürich. Mentorin Boloklub 2022/2023, Nomination Swiss Design Awards, 2020, Auszeichnung Schönste Schweizer Bücher, 2013.
illustratoren-schweiz.ch/nadine-spengler
@nadine_spengler
Dinah Wernli
*1983 in Schlieren (CH), arbeitete als Damenschneiderin in einem Basler Couture-Atelier und als Kindergärtnerin und Primarlehrerin an verschiedenen Schulen, ehe sie Illustration an der Hochschule Luzern — Design & Kunst studierte. Seither ist sie als freischaffende Illustratorin und Autorin tätig. Sie lebt und arbeitet in Zofingen. Für Louise, 2024 bei Edition Moderne erschienen, erhielt sie den Förderpreis der zeugindesign-Stiftung.
dinahwernli.ch
@dinahwernli
Chrigel Farner
*1972 in Schaffhausen (CH), lebt als Illustrator, Comiczeichner, Maler und Musiker in Berlin. Farner liess sich an der Zürcher Hochschule für Gestaltung zum wissenschaftlichen Zeichner ausbilden, dokumentierte dabei Gehirnoperationen und Kakerlaken. 1993 folgte das Comicalbum Fliegenpilz, das die Geschichte des sorgenvollen Familienvaters Harry und dessen Flucht aus dem kleinbürgerlichen Alltag erzählt. Zusammen mit dem Schriftsteller Tim Krohn publizierte er den Comic Pippin der Nichtsnutz, erschienen 2022 bei Edition Moderne. Farners Arbeiten sind seit den Neunzigerjahren in STRAPAZIN anzutreffen.
chrigelfarner.com
@chrigelfarner
Morris Vogel
*1993 in Basel. Autodidakt, arbeitet als freischaffender Künstler in Mexico City. Seine Kunst wurde schon an verschiedenen Orten ausgestellt, z.B. im Museum Halle Saint-Pierre in Paris, an der Art Basel Miami, oder in Oaxaca, Mexiko. Normalerweise arbeitet er auf Leinwand oder produziert grossformatige Zeichnungen — Vortex ist sein erster und einziger Comic, aus dem zwei Seiten im vorliegenden STRAPAZIN abgedruckt sind. Vortex erschien 2023 im Selbstverlag.
upandcoming.ch/artists/morris-vogel
Manuel Guldimann
*1993. Von 2014 bis 2019 studierte er Bildende Kunst in Basel, wo er sich mit verschiedenen Medien austobte. Anschliessend arbeitete er vor allem hinter den Kulissen diverser Theater. Mittlerweile findet man ihn häufig in obskuren musikbezogenen Projekten, sei es als Illustrator, beim Fertigen von Kostümteilen und Requisiten für Musikvideos, oder aber der eigenen Band Mild Crush. Seine Kunst ist von seiner Vorliebe für Fiction- und Trash-Horror-Filmen geprägt — und wohl auch von den vielen Kaiju-Figuren (jap. Riesenmonster), die er sammelt.
manuelguldimann.com
@manuel_guldimann
Jonathon Rosen
*1959, Los Angeles. Er studierte elektronische Musik, Druckgrafik, Malerei und Farbtrennung an Hochschulen in Los Angeles. Sein Werk umfasst auch Illustration und Computeranimation. Nach seinem Studium arbeitete Rosen sieben Jahre lang als Grafiker für Kunstdrucke bei mehreren renommierten Druckereien in Los Angeles. 1990 erschien sein erstes Buch Intestinal Fortitude. Zudem arbeitete Rosen für Publikationen wie Oxford Review, New Scientist, Redhot Productions, Pink Pages, Art & Architecture, The New York Times, Blab, Time Magazine, und natürlich immer wieder einmal für STRAPAZIN. 1995 wurde er von der Society of Publication Designers für die beste Illustration ausgezeichnet.
jrosenstudio.org
@jrosenstudio
Sophia Martineck
*1981 in Naumburg (D), studierte in Berlin,
Liverpool und New York Visuelle Kommunikation. Seit 2007 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin vorwiegend für deutsche und internationale Zeitungen und Magazine. Ihre Arbeiten wurden u.a. mit dem Hans-Meid-Förderpreis und dem Art Directors Club Young Guns Award ausgezeichnet. Hühner Porno, Schlägerei, ihr erstes Buch, erschien 2012 im avant-verlag.
martineck.com
@sophiamartineck
David Sandlin
*1956 in Belfast (NI), lebt in Roscoe, New York, und New York City. Seine Gemälde und Druckgrafiken wurden bereits vielfach in den USA und international ausgestellt, unter anderem 2001 am Fumetto Luzern. Seit 1993 freischaffender Comix-Künstler. Seine Comics und Illustrationen erschienen zum Beispiel in The Best American Comics, The New Yorker, Raw und immer wieder in STRAPAZIN.
davidsandlin.com
@david_sandlin


































