UMSTURZ

Dezember 5, 2025 | | No Comments

CHF 20.00

COMICS:
Marlena Synchyshyn
Līva Kandevica
Varya Yakovleva
Daniel Lima
Roope Eronen
Jules Spinatsch
Tim Iso Wey
Katharina Kulenkampff
Lukas Verstraete
Zsófia Rumi
Alex Treskman
Open Call: Roman Klug
TEXTE:
Joakim Drescher
Alice Britschgi
Lorik Visoka
David Jäger
Sandra Künzi
Tabea Steiner
Paul Poser
Patrick Spät
Anatole Fleck


Beschreibung

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EDITORIAL

Als wir uns Anfang März 2025 zum ersten Mal trafen, um über mögliche Themen dieses Heftes zu sprechen, war – nebst Kriegen und diversen
anderen Grotesken und Ungeheuerlichkeiten – die zweite Amtszeit von DJT gerade etwa ein Monat alt und er hatte so richtig losgelegt. Und was war die Reaktion von Geldadel und Politik? Sie schienen es hinzunehmen oder waren gerade dabei, ihm so tief in den Arsch zu kriechen, dass er sie wieder ausspeien konnte.
Anstatt uns unsere Ideen zum Heft zu erzählen, versuchten wir, un­sere Ohnmacht, unsere Wut und unsere Gefühle der Machtlosigkeit zu sortieren:
Wie gehen wir damit um? Sollen wir uns unserer Trauer, unserer Angst hingeben? Gelangen wir damit in eine Abwärtsspirale, aus der wir keinen Ausweg mehr finden? Wie können wir die Form wahren? Ist Positivität angesichts der Weltlage nicht extrem naiv, dumm, gefährlich? Und falls nicht, woher nehmen wir sie? Was können wir mit der Wut anstellen, die uns beinahe erstickt? Gegen wen sollen wir sie richten?
Wir fanden an diesem Nachmittag keine Antworten, aber das Artikulieren unserer Fassungslosigkeit war ein Anfang, und so verabschiedeten wir uns, nachdem wir uns auf den Arbeitstitel «Rage Against the Machine» geeinigt hatten, mit dem Vorsatz, zu recherchieren, wie konstruktive Wut aussehen könnte.
Bei der Recherche stiessen wir unter anderem auf die Forschung des Stanford-Neurowissenschaftlers Dr. Robert Sapolsky. Er zeigt in seiner Forschung, dass Testosteron keine Aggression erzeugt, sondern bereits vorhandene soziale Muster verstärkt. In einem Umfeld, in dem Freundlichkeit belohnt wird, fördert Testosteron Grosszügigkeit, aber in einem Umfeld, in dem Dominanz glorifiziert wird, verstärkt es Aggressionen. Daraus folgt die Erkenntnis, dass unsere sozialen Werte problematisch sind, da sie Aggression mit Status und sozialem Aufstieg belohnen.
Das sollte – ausser Sozialdarwinisten – Menschen mit verschiedensten politischen Haltungen stutzig machen. Wir jedenfalls hatten gefunden, was uns eigentlich eh schon klar war: Der Kapitalismus mit seiner Aggressionsverherrlichung ist ein Scheissdreck! Er muss weg.
Trotz Skrupeln – genährt durch Anständigkeit, Zweifel über die Richtigkeit unserer Schlussfolgerungen und durch das Paradox, ein aggressives System mit Aggression bekämpfen zu wollen – schrieben wir einen flammenden Text,1 mit dem wir Autor*innen anfragten, ob sie bei diesem Heft mitmachen möchten.
Was zurückkam, hat uns verblüfft und vor allem berührt.
Schmerz, Angst und Wut mit Aggression zu begegnen, scheint nicht die Stärke unseres Umfelds zu sein. Spoiler alert: Die Welt wird ziemlich sicher nicht durch uns in Brand gesetzt werden. Aber die Erkenntnis, von Menschen umgeben zu sein, die selbst in ihrer Wut mit Humor und Zärtlichkeit agieren, ist wirklich schön und spendet Trost. Wenn der Umsturz kommt, sind wir vielleicht tatsächlich in der Lage, ein System einzuführen, in dem Güte, Liebe und Grosszügigkeit mehr Platz finden.

Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!

Wir bedanken uns herzlich bei allen Beteiligten und wünschen euch eine gute Lektüre.

Nando & Claudio

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Eine kurze Geschichte des Widerstands


Alice Britschgi
Im Kleinen, sagte die Psychologin, müsse Herr Hase den Wandel suchen. Und auch finden.
Jetzt, da er eigentlich hätte arbeiten müssen, erinnerte sich Herr Hase an
ihre Worte und war plötzlich gewillt, zu tun, was sie ihm geraten hatte. Er musste den Wandel im Kleinen suchen. Und auch finden. Nicht morgen, nicht in einem Jahr, jetzt.
Natürlich konnte er das dem Chef nicht sagen – denn der Chef wusste nichts von der Psychologin, geschweige denn, von Herrn Hases Wunsch nach Wandel. Der Chef wusste bloss von Herrn Hases Deadline.
Aber, dachte Herr Hase, wenn ich jetzt, hier, zu Hause, im Homeoffice – nur kurz – im Kleinen den Wandel suche – und auch finde –, dann merkt der Chef das nicht.
Also begann Herr Hase zu suchen.
Zuerst mit den Händen. Er fuhr mit seinen Fingerkuppen über das Polster seines Sessels. Es war rau, fast fühlte es sich an wie der Körper eines Borstenschweins. Aber Herr Hase konnte zwischen keiner der winzigen Borsten irgendetwas ertasten, das sich auch nur annähernd nach Wandel anfühlte. Eher im Gegenteil. Das Polster erinnerte ihn an seinen Vater.
Also stand Herr Hase auf.
Ich muss mit den Augen suchen, dachte er – und tastete mit ihnen sein Arbeitszimmer ab –, manche Menschen sehen mit dem Herzen, bei mir waren es immer bloss die Augen.
Am Bücherregal blieb sein Blick hängen. Kleiner, dachte Herr Hase, kleiner als das Bücherregal. Also griff er sich ein Buch – das kleinste, ein Reclam-Bändchen – und öffnete es.
Lange schaute er auf die Doppelseite. Er las: Käse, Kätzchen, Damenkostüme.
Und plötzlich erkannte er sie: die Umbrüche.
Auf Seite 21 waren es bloss zwei, aber im ganzen Buch – es hatte 70 Seiten – mussten es Hunderte sein.
Und im Bücherregal? Er trat einen Schritt zurück, um es ganz im Blick zu haben.
Es beherbergte insgesamt 16 Tablare. Auf jedem Tablar standen ungefähr dreissig Bücher. Herr Hase schätze, dass ein Buch im Schnitt mindestens 500 Umbrüche enthielt. Also, rechnete er, mussten es insgesamt rund 240’000 Umbrüche sein.
Herr Hase sass im Homeoffice also jeden Tag vor Hundertausenden von Umbrüchen an seinem Schreibtisch. Der Wandel hatte ihm, wenn man so will, die ganze Zeit über im Nacken gesessen, ohne dass er es bemerkt hatte.
Und jetzt?
Herr Hase versuchte, sich daran zu erinnern, ob die Psychologin ihm gesagt hatte, was er tun müsse, falls er den Wandel im Kleinen tatsächlich finden sollte.
Er müsse offenbleiben für alles, was komme, denn der Ausgang einer Veränderung sei immer unvorhersehbar, hatte sie ihm einmal gesagt. Ich bin so offen wie ein schwarzes Loch, hatte Herr Hase geantwortet.
Jedoch, soweit Herr Hase sich erinnern konnte, hatte ihm die Psychologin nie gesagt, was er ganz konkret tun sollte, wenn er den Wandel im Kleinen gefunden hätte. Ob er sich zum Beispiel gleich im Anschluss wieder seiner Deadline widmen sollte oder ob er weitersuchen müsste, nach noch mehr Wandel im Kleinen – bevor er,
was ja sein eigentliches Ziel war, damit anfangen könnte, den Wandel im Grossen herbeizuführen.
Herr Hase nahm sich vor, die Psychologin bei der nächsten Sitzung danach zu fragen. Zu fragen, ob er nun genug Wandel im Kleinen gesucht und gefunden hätte, um endlich den Wandel im Grossen anzustossen und dem Chef zu sagen, dass er unmöglich weiterhin für ihn Berichte schreiben könne, weil er noch viel mehr Wandel brauche, als
er in seiner eigenen Wohnung bereits gefunden habe, und dass damit leider einhergehe, dass er seine Stelle kündigen müsse – und das trotz der vielen Umbrüche in seinen Berichten, die er übrigens zuvor auch nie bemerkt hatte.
Aber was jetzt? Was sollte er mit diesem angebrochenen Dienstagmorgen anfangen? Zurück an den Computer oder nicht?
Herr Hase dachte nach. Es ist höchst unwahrscheinlich, sinnierte er, dass die Psychologin ihm nun, da er gerade einen Teilerfolg auf dem Weg zum Wandel erzielthatte – und nicht nur einen Wandel, sondern gar Abertausende Wandel im Kleinen gefunden hatte –, zur Rückkehr an den Schreibtisch raten würde.
Wahrscheinlich, so dachte Herr Hase, würde die Psychologin ihm jetzt sagen:
Dranbleiben, Herr Hase, dranbleiben.
Also entschied er, nun erst mal ein Caramelchöpfli aus dem Kühlschrank zu holen und es zu stürzen – so wie die Französinnen und Franzosen im 18. Jahrhundert die Monarchie.

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Mayday


Lorik Visoka
Am Rande der Stadt meldete sie sich früh genug bei einer Wohnungs­besichti­gung an. «Londra Parris, stimmt das?», fragte der Verwaltungsmitarbeiter nach. Ein prägnantes und kurz wildes Genau! hauchte sie hinaus, was auch ihr erstes Wort an diesem Nachmittag war, bevor sie das erste Gefühl eines Ankommens entnahm. Das war die erste Erleichterung an diesem Tag der Arbeit. Dabei überhörte sie den Kommentar des Beamten: «Schöner Name, falsche Stadt.»
Sie hatte sich einige Punkte an diesem Tag angesetzt: Nach der Wohnungssuche fährt sie zum Fernsehstudio, um heimlich Video-Equipment auszuleihen. Einige Ersatzteile davon nimmt sie zu einem Freund, um es für ihre Kamera zu testen. Zuhause dann Formulare für Stiftungen im Bereich der Schuldenunterstützung vervollständigen und und sich dann früh abends gerade so weit pflegen, dass sie sich im Spiegel okay findet. Die erste Hälfte des Tages
fiel ihr beim Erwachen besonders schwer, weil sie nicht wusste, wie oder ob sie den 1. Mai in der Innenstadt umgehen wird. Der 1. Mai in dieser Stadt war opulent, hatte Tradition und die Stimmung war immer okay. Zudem war der Grund dieses Protesttages für sie schon lange wichtig. Ihre soziale Situation dagegen sprach dagegen; sie erwartete nicht, dass die Möglichkeit bestehe, Leute auf überraschende Weise zu begegnen – überraschend nicht, weil sich die Leute in dieser Stadt nicht überraschen oder zumindest nie überrascht zeigen.
Sie dachte in ihrem Morgenbett, vielleicht sollte sie einfach noch weniger erwarten, aber sie spürte auch, dass gewisse Erwartungen sowas wie eine Mindestvoraussetzung sind. Sie war zurzeit schlecht darin, Voraussetzungen zu berücksichtigen. Und dann machte sie eine Art Schuldzuweisung im Ping Pong, bis sie aus dem Bett sprang:
«Vielleicht liegt es an mir, wie ich euch sehe.
Vielleicht liegt es an euch – wie ihr euch seht.
Vielleicht liegt es an mir, wie ich euch sehe.
Vielleicht liegt es an euch – wie ihr euch seht.
Vielleicht liegt es an mir, wie ich euch sehe.
Vielleicht liegt es an euch – wie ihr euch seht.»
Die zweite Hälfte des Tages machte sie eher nervös, doch sie empfand es auch sehr prickelnd. Ein Rendez-vous mit jemanden, den sie seit Jahren beobachtete. Ihre Begegnungen waren selten, respektvoll und auch beidseitig distanziert. Er war – genau wie sie – sich sicher, gäbe es eine Gelegenheit für eine notwendig längere Interaktion, dann würde er resp. sie sich problemlos involvieren. Beide hatten diese Geduld, über Jahre auf einen rein angenehmen Moment zu warten. Dieser angenehme Moment, der zu diesem Rendez-vous führte, entstand vor einer Woche in einer Ausstellung. Londra war als Teil eines Fernsehteams vor Ort, um die Ausstellung zu dokumentieren. Er war aus Südkorea angereist, weil er das Studio des ausstellenden Künstlers in allen Belangen verwaltete. Seinen Lebensmittelpunkt hatte er über viele Breitengrade verschoben, doch er war in dieser Stadt geboren. Die Arbeit fiel ihm in dieser Stadt diesmal leicht – vor allem, weil er sehr einfach verschwinden konnte.
«Hey Londra, ich hoff, ich stör dich gerade nicht. Darf ich dich mal ausser­halb der Arbeit treffen?» Seine Augen suchten währenddessen alles andere als sie.

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David Jäger
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Gewalt ist die einzige Lösung
Nein, die Wahrheit ist
Dass ich wie gelähmt innehalte, sobald es ernst gilt
Ich glaube nicht
Dass Schläge Türen öffnen
Dass Zerstörung Befreiung sein kann
Dass ich einen Unterschied mache
Es ist doch so
Dass ich unbehelligt bleibe, wenn ich nur zuschaue
Dass ich sicher bin, wenn ich mich raushalte
Es wäre absurd, zu behaupten
Dass der Kapitalismus von selbst fällt
Dass Geld eines Tages nicht mehr regiert
Es bleibt dabei
Dass Egoismus mich antreibt
Dass Angst und Berechnung mich leiten
Dass Selbstbetrug mich formt
Ich kann unmöglich zulassen
Dass etwas in mir wirkt, das grösser ist als ich
Es ist doch ganz klar
Dass unser Begehren uns in die Irre führt
Dass Vertrauen uns teuer zu stehen kommt
Dass Selbsthingabe eine Falle ist
Ich weigere mich zu glauben
Dass ich mich ändern kann
Eigentlich ist es doch so
Ich brauche keinen Grund für meine Wut
Ich bin voll Zärtlichkeit
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Und nun lies den Text von unten nach oben!

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Kleine Wut


Sandra Künzi
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Wir wollten das System zerstören. Wir wollten eine Whatsapp-Gruppe einrichten, um krasse Aktionen zu planen. Aber hey – Whatsapp? Scheisse! Signal? Threema? Kompostieren? Trostpflästerli für systemkritische Abhängige. Mach du mal Threema, du awares Ersteweltwesen, es jättet ja trotzdem den ganzen Scheiss über Elons Satelliten. Das ist doch kein «Ausbruch aus der kapitalistischen Verwertungslogik»! Suck me sick. Wir mussten radikaler werden. Es gab nur einen Weg: Wir müssten unsere Handys in die Aare schmeissen. Konsequente Symbolik zur Zerstörung des Systems. Aber die Aare kann ja nichts dafür. Also in den Sondermüll. Wir fuhren mit dem Velo in die Entsorgung. «Sind sie denn kaputt?», fragte einer der Entsorungsmänner mit kritischem Blick auf unsere drei teuren Handys. Wir erklärten ihm das Problem mit dem System. Er sah uns misstrauisch an und fragte: «Wollt ihr nicht wenigstens eine Sicherkeitskopie machen von euren Kontakten?». Toll, dass die Leute vom Entsorgungshof so mitdenken. Wir beschlossen, all unsere Kontakte auf Papier zu schreiben (um sie nicht in einer Cloud zu sichern). Aber wir hatten keine Kugelschreiber. Der nette Mann sagte: «Also Fredi hat sicher!». Fredi sammelt Kugelschreiber und hatte mehr als einen. Er fragte uns, welche Farbe wir wollten und ob eher fein oder eher satt. Er zeigte uns seine Lieblingsmodelle, und wir wählten drei blaue «softball». «Ich will sie aber zurück!». Fredi forever! Es werden Zeiten kommen, da werden Papier und Kugelschreiber wertvollste Mangelwaren sein. Für Botschaften, die diskret ausgetauscht werden, ausserhalb des digitalen Systems, das die Macht übernommen haben wird. Ähnlich wie bei Auswechslungen beim Fussball, wenn die Kamera auf kleine zusammengefaltete Zettelchen zoomt, die die eine Spielerin der anderen in die Hand drückt. Anweisungen vom Spielrand. Handschriftlich. Lesen, verschlucken, ausführen. Der Feind darf es nicht sehen. Das Publikum auch nicht. Fredis Kugis waren der Vorgeschmack. Wir durften am Pausentisch des Entsorgungsteams sitzen, um unsere digitalen Kontakte auf Papier zu schreiben. Es dauerte lange. Mir tat schon die Hand weh. Einer fragte: «Was macht ihr eigentlich mit all euren Fotos?». Wir zuckten mit den Schultern. Das war schon schmerzhaft. Fred schüttelte den Kopf: «Ihr solltet ein paar schöne Fotis aufbewahren!». Aber wir wollten die Handys heute entsorgen. Wir hatten Angst, dass, wenn wir es nicht heute tun, wir’s dann nie mehr schaffen.Dann wäre unsere mutige Wut gegen das System verraucht. Gewichen der überwältigenden Macht des Faktischen. Fredi erklärte, die neuen Technologien seien doch gar nicht das Problem, im Gegenteil. Der Kapitalismus sollte noch viel mehr automatisieren, damit niemand mehr solche Bullshitjobs machen müsse. Mehr Freizeit für alle bei gleichem oder besserem Lohn! Er kam richtig in Fahrt: «Die Zeit, in der ihr Telefonnummern abschreibt, könntet ihr viel besser nutzen». Wir fanden das visionär. Aber es war schon spät. Fredi sagte «Wir machen gleich zu, gebt mal her. Ich werde eure Handys entsorgen!». Er streckte aufmunternd seine starke Hand aus. Man sah, dass er damit zupacken konnte. Etwas zögerlich händigten wir ihm unsere High-Tech-Geräte aus. Ob das gut gehen würde, so ganz ohne Handy? Aber dann waren sie schon weg. Fredy schenkte uns die Kugelschreiber. Die Tür ging zu. Wir standen im Regen. Das war’s jetzt. Das war das krasse Aktivist*innen-Flash, von dem alle immer sprachen. Wir fuhren nach Hause und hatten erst einen Schock und eine Woche später neue Handys. Es ging nicht anders. Wir hätten uns sonst nicht absprechen können für die Erweiterung unserer Gruppe gegen das System. Ich hatte auf Ricardo ein gebrauchtes ersteigert, das meinem Handy lustigerweise sehr ähnlich sah. Es hatte sogar den genau gleichen Kratzer links unten. Das System hatte mich noch im Griff. Aber immerhin war ich nachhaltig. Nächsten Mittwoch diskutieren wir weiter.

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Nach dem Alphabet


Tabea Steiner
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Eins der Dinge, die man nicht so bald loswird, ist
das Bedürfnis, alles aufzuschreiben. Alles zu notie-ren, den exakten O-Ton sofort festzuhalten, und jede Stelle, zu der man noch etwas nachlesen, recherchieren muss, zu markieren. Man weiss ja, was die Erinnerung mit den Ereignissen macht, mit Sätzen, die jemand gesagt haben soll, und wie diese Sätze dann wiedergegeben werden, jedes Mal ändert sich ein Detail, bis etwas ganz anderes herausgekommen ist. Oral History haben wir das früher genannt.
Am Anfang habe ich versucht, die Tage zu zählen, habe mich nach einer Möglichkeit umgesehen, irgendwo im Verborgenen an einer Wand Striche zu machen. Aber wenn man ständig beobachtet wird, oder, genauer gesagt, ganz einfach nicht weiss, ob und wann und wie man beobachtet wird, wird es einem zu blöd, Geheimnisse zu bewahren. Und ausserdem ist es durchaus möglich, dass sie selber schon wissen, welcher Tag gerade ist, und wie die Zeit vergeht.

Was ich, und auch alle anderen, die hier gelandet sind, sofort verstanden haben, ist, dass wir hier drin lesen und schreiben sollen. Warum auch immer. Sie haben uns am Anfang vorgemacht, wie wir ein Buch nehmen und es irgendwo aufschlagen sollen, mit dem Finger hin und her fahren, die Augen folgen lassen, und wir mussten sie nachahmen; das Gleiche mit dem Schreiben. Als wäre das nicht jahrelang unser Beruf gewesen.
Aber, ganz ehrlich, noch unerträglicher sind die anderen, die eigenen Leute. Wenn man sich auch nur kurz gehen lässt, ein wenig nachdenkt, kommt garantiert einer daher und stupft einen an und macht mit den Augen eine unauffällige Bewegung zu den Buchregalen hin. Dieser vorauseilende Gehorsam ist mir wirklich zuwider, wir wissen ja überhaupt gar nicht, was passiert, wenn wir uns nicht an den Codex halten. Und warum die anderen diese Verhaltensregeln Codex nennen, weiss der Geier. Die Tiere haben dieses Wort nie benutzt.
Darf man weiss der Geier denken? Keine Ahnung. Es weiss ja auch keiner mit Sicherheit, ob unsere
Gedanken tatsächlich registriert werden, wir wissen ja nicht einmal, ob sie zu uns hereinschauen, die Scheiben sind gegen aussen nicht durchsichtig. Nur manchmal kommen sie in den Raum, man weiss nicht wann, und, ehrlich gesagt, auch nicht wie. Und vor Kurzem ist mir der unangenehme Gedanke gekommen, dass sie uns über unsere eigenen Kör­per infiltriert haben könnten, dass die Bakterien in unseren Magendarmtrakten diesen Komplott von
langer Hand geplant und in die Wege geleitet haben könnten.

Und jetzt stupft mich wirklich einer an, ich fass es nicht. Aber ich reisse mich zusammen und stelle mich vor das Regal, kratze konzentriert meinen Kopf, nehme ein Buch, schlage es auf, hole die Leiter, um ein anderes Buch zu erreichen, das weiter oben eingeordnet ist, alphabetisch, natürlich. Ich setze mich an den Schreibtisch, beuge mich wie alle anderen über die Bücher, über diese Buchattrappen, die einfach nur idiotische Kartonschachteln sind, und tue, als würde ich lesen, als würde ich ein paar Dinge aufschreiben. Ich hasse es.

Ich kann echt nicht sagen, was genau ihr Interesse an uns ist. Wahrscheinlich war es für sie einfach das Naheliegendste, unsere Räume mit Ikea-Möbeln und entsprechender Dekoration zu bestücken, weil das Zeug eben überall herumstand. Aber dass wir uns selber nachahmen müssen, unser eigenes Verhalten imitieren – ich fass es nicht. Dass wir Lesen und Schreiben simulieren sollen. Auch wenn ich es nicht mit Sicherheit weiss, ich kann nicht recht glauben, dass sie verstehen, dass das nicht das Gleiche ist.
Was ich sehr schnell aufgegeben habe, ist, mich bei den anderen Leuten zu beklagen, darüber, wie gern ich echte Bücher lesen würde, um wenigstens irgend etwas Sinnvolles tun zu können. Und dass ich gerne neue Socken hätte. Aber die anderen haben mich sofort zum Schweigen gebracht, oder sogar ignoriert, aus Angst, die Tiere könnten mich hören. Dabei wussten wir ja draussen bis zuletzt nicht einmal mit Sicherheit, ob sie verstehen, was ein Mensch sagt, ich meine, solange wir noch an solchen Dingen forschen konnten.
Aber klar, von heute aus gesehen, ist das unfassbar peinlich. Und trotzdem, etwas in mir sträubt sich zu glauben, dass sie verstehen, dass diese Kartonschachteln keine richtigen Bücher sind. Sie sind ja auch an keinem intellektuellen Output oder Austausch interessiert, und ich wage noch immer zu behaupten, dass sie nicht lesen, geschweige denn, schreiben können. Wobei es, wie gesagt, sogar sein kann, dass sie unsere Gedanken registrieren – ich muss sagen, ich kann sie, je länger ich hier bin, umso schlechter einschätzen.
Logisch haben sie herausgefunden, wie sie das Handy entsperren können, es ist geradezu lächerlich, dass mich das erstaunt hat. Und wie sie manchmal mit dem Handy hereinkommen und etwas abspielen, lachen sie sich schepp und zeigen auf uns, meistens auf mich – es ist ja immer noch mein Handy. Ihr Lachen klingt so bescheuert, dass ich beim allerersten Mal selber lachen musste, bis ich gemerkt habe, dass es immer noch jenes Video mit den Ziegen ist, das sie abspielen, und das Meckern der Ziegen klingt wie das Lachen von Menschen.
Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es immer noch die lachenden Ziegen sind, über die sie lachen, oder ob es nicht ein anderes Video ist, worin Menschen lachen und dabei klingen wie Ziegen. Und beim letzten Mal kam mir der Verdacht, dass sie mich gefilmt haben könnten, ganz am Anfang, als sie dieses Ziegenlachen zum ersten Mal abgespielt haben, und ich so lachen musste, und dass es ein Video von mir ist, über das sie sich so saudoof lustig machen.

Ja, aber weil die Erinnerung das Einzige ist, was einem hier bleibt, versuche ich, jeden Tag die Ereignisse zu rekapitulieren, vielleicht für später, vielleicht auch einfach nur für mich. Viel ist es nicht, was ich noch weiss, und ich habe noch immer keine Ahnung, warum gerade ich zu diesem Interview geschickt worden bin. Seit einer Weile (Tagen? Monaten?) ist mein Chef ja auch hier, weicht mir aber aus, ich weiss noch nicht mal, auf welchen Wegen er hierher geraten ist. Am Anfang dachte ich noch, dass er sein Handy behal-
ten konnte, weil er es ständig genutzt hat, bis mir klar wurde, dass es auch bloss eine Attrappe ist.
Jedenfalls hatte er mich hingeschickt, mach mal
ein Interview mit dem Rebellenführer, hat er gesagt. Wider Erwarten war es überhaupt kein Problem,
einen Termin zu bekommen, geschweige denn, herauszufinden, wo das Gebäude steht. Ja, alle Zeichen waren deutlich, wir haben sie nur nicht gelesen.
Keiner hat die Rebellion ernstgenommen, niemand ist auf die Verhandlungsangebote eingegangen, die
sie am Anfang noch gemacht haben.
Der Empfang in der Revolutionszentrale war sehr freundlich, nur die Schuhe sollte ich ausziehen, und dann wurde ich von einem Kalb einen Korridor entlanggeführt, Kunst hing an der Wand, ich erinnere mich an das eine Foto von dem nackten Mann, der einem Wildschwein hinterherrennt, das seinen Laptop geklaut hat.
An einer verglasten Bürotür verabschiedete sich das Kalb und liess mich eintreten. Der Büroraum war hell und hoch. Zunächst beachtete mich keiner, alle lagen auf irgendwelchen Designermöbeln herum, das Aquarium stand im Sonnenlicht, und es war dann auch ein Fisch, der zur Katze sagte, da ist einer, willst du nicht so höflich sein ..?
Die Katze musterte mich, blieb aber liegen und fragte nur: Journalist? Welches Medium?
Ich antwortete, und von der Decke kam die nächste Frage, von der Spinne, ob das Interview, das ich führen wolle, auch im Netz erscheine. Ja, sagte ich, natürlich, und erst vor Kurzem, nachdem ich bereits ziemlich viel Zeit hier verbracht hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum in diesem Moment die Katze ihr Fell sträubte, der Hund knurrte, ein Waschbär fauchte; naja, natürlich, das war natürlich ein Reizwort, vielleicht sogar verboten, wer weiss das schon.
Eine Zwergziege machte ein paar Ecksprünge über die Wände, stellte sich vor mir auf zwei Beine und sagte: Soso, das erscheint auch online, und du glaubst also tatsächlich immer noch ans Internet?
Ich muss gestehen, ich erinnere mich an alles Weitere nur vage. Ich weiss noch, dass sie begannen, einander Dinge zuzurufen, dass irgendwann alle lachten und sich kaum mehr einkriegen konnten. Etwas vom Wenigen, was ich verstanden habe, ist, wie ein kleines Schwein Kulturtechnik grunzte und wie das Eichhörnchen unter Lachtränen Die Rache der Natur kreischte, und alle gackerten und kugelten sich und hielten ihre Bäuche.
Als sie endlich Ruhe gaben und die meisten sofort einschliefen, führte mich der Bär gemächlich aus dem Zimmer, tätschelte dabei meinen Arm und sagte auf Englisch, er wolle mir keine Angst machen, aber vor den Pflanzen nähme er persönlich sich in Acht, die hätten gar konspirative Tendenzen gezeigt in der jüngeren Vergangenheit. Wie weit in seinem Verständnis die jüngere Vergangenheit zurückreiche, fragte ich, und wollte auch wissen, was er mir damit überhaupt sagen wollte und wieso er englisch mit mir redete, aber er hatte mich schon den Antilopen überreicht, die mir die Tasche abnahmen, mich mit ihren Hufen sachte abtasteten und durch die Lichtschranke gehen hiessen.
Ich wartete einen Moment, ohne dass sie mich beachtet hätten, selbst dann nicht, als ich mich mehrmals räusperte, und als ich nachhakte, ob ich vielleicht meine Tasche zurückbekommen könnte, erntete ich erstaunte Blicke. Die brauchen Sie doch nicht mehr, sagten sie im Chor, und ich muss sagen, es fasst mich bis heute tief im Herzen an, dass die Antilopen mich gesiezt haben.

Auch wenn ich es zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht wahrhaben wollte: Es war sonnenklar, dass mein Interview sogar dann hinfällig gewesen wäre, wenn ich nicht direkt hierher gebracht worden wäre. Und es ist mir wirklich peinlich, dass mir erst in dem Augenblick, als mein Chef zu uns stiess, siedend heiss bewusst wurde, dass ich auf der Revolutionszentrale in keinem Moment so etwas wie ein Interview geführt hatte, sondern dass von Anfang an ich es gewesen war, der von den Tieren befragt wurde. Aber die schrecklichste Erinnerung ist bis heute, dass ich zusehen musste, wie sich ein ganzes Rudel, Hyänen, Schweine, Vögel, Reptilien, einfach alle, sogar ein Mammut, über meine Tasche hermachte, ich weiss gar nicht, wo die alle herkamen. Sie leerten den ganzen Inhalt auf den Boden, stürzten sich auf mein Handy, hackten darauf herum, bis einer das Gerät mit einem wütenden Schrei zu Boden warf, weil sie sich nicht einloggen konnten. Ein anderer hob es auf, hielt es mir durch das Gitter der Schranke vor die Nase und fing an, auf dem entsperrten Gerät meine Videos und Fotos anzuschauen. Ab da gab es kein Halten mehr, wie sie diese idiotischen Filmchen abspielten, die ich mir auf dem Weg zur Revolutionszentrale angesehen hatte: meckernde, sehr blöd lachende Ziegen.

Ein Fuchs trat vor mich hin und hiess mich mit­zukommen, er redete ununterbrochen auf mich ein, ohne dass er je zurückgeblickt hätte. Ich ging in Socken hinter ihm her und blickte auf seinen rotbraunen Fellrücken hinab, während er fortwährend schwatzte. Es gibt dort genug Bücher, sagte er, beantwortete aber meine Nachfragen nicht, von welchem Ort er spreche, wo «dort» sei, er redete nur pausenlos weiter, du brauchst deine Notizen überhaupt nicht mehr. Und dann blieb er plötzlich doch stehen, schaute mir in die Augen, von unten herauf zwar, aber mir war, als wäre ich es, der zu ihm aufblickte. Er spähte kurz um sich, und dann fragte er leise, fast verstohlen, sag mal, wie meint ihr das genau, wenn ihr sagt, einer ist schlau wie ein Fuchs.

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Kettensägen des Kapitals


Paul Poser
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Die Destruktivität der autoritären Rechten
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Das gesamte System zerstören und eine postkapitalistische Welt errichten? Begriffe des Umbruchs und der Zerstörung sind aktuell nicht vorrangig linke Praxis, sondern beschreiben die Realität rechtsautoritären Handelns. Deshalb zögere ich, den Umbruchsbegriff für mich zu reklamieren. Jene, die heute zerstören, stören nicht die Logik der Kapitalakkumulation. Vielmehr beseitigen sie demokratische Kontrollinstanzen gerade zugunsten privater Macht- und Profitinteressen. Wer über progressive Strategien nachdenkt, das kapitalistische System zu transformieren, kann deshalb die gegenwärtige Zerstörungskraft rechtslibertärer Kräfte nicht ignorieren – eine Kraft, die sich derzeit in Gestalt Donald Trumps deutlich zeigt.
Ganz nach dem Vorbild des argentinischen Präsidenten Javier Milei zersägt Donald Trump mit einer Vielzahl von Präsidialdekreten den bürokratischen Verwaltungsapparat: Er entlässt Bundesbedienstete, schwächt Ministerien und hat die U.S. Agency for International Development kurzerhand einfach aufgelöst! Dieser Umsturz folgt durchaus einem Kalkül: Die Trump-Regierung hat ein individuelles Profitinteresse daran, regelbasierte Politik durch das Recht des Stärkeren und den Primat der Gewalt zu ersetzen. Mit Trump führt ein Unternehmer die Regierungsgeschäfte, der die Trennung von Politik und Ökonomie aufzuheben versucht. Sein Kabinett ist die perfekte Personalunion aus wirtschaftlicher und politischer Macht. Überhaupt ist in der Ära des Deals individuelles und nationales Interesse nicht voneinander zu unterscheiden. Die Präsidentschaft ist dazu da, Geschäfte zu machen: «Deals, deals, deals! Drill, baby, drill!»
Doch ist der amerikanische Staat eine riesige Maschinerie, die weitestgehend unabhängig davon funktioniert, wer in Washington an den Hebeln der Macht sitzt. Ein Teil der politischen Entscheidungsgewalt ist sowohl der Exekutive als auch der Legislative entzogen. So trifft beispielsweise die Federal Reserve – die Zentralbank der Vereinigten Staaten – ihre Entscheidungen über geldpolitische Massnahmen ohne Zustimmung der exekutiven oder legislativen Organe des Staatsapparats. Wer nun wie Trump die vollständige Macht besitzen
will (oder wer das kapitalistische System zerstören möchte), der muss diesen Staatsapparat unter seine Kontrolle bringen. Machen wir uns nichts vor: Seit Jahren wird die von Trump attackierte Unabhängigkeit der Zentralbank gerade von linker Seite in Frage gestellt. Wer über die Politisierung der Geldpolitik nachdenkt, sollte also zunächst anerkennen, dass der Angriff auf die Fed gerade von rechter Seite erfolgt!
Sicherlich sollte man die rechtslibertäre Kettensäge nicht mit berechtigten Forderungen demokratischer Wirtschaftspolitik gleichsetzen. Dennoch nähme eine revolutionäre Zerstörung kapitalistischer Institutionen Kollateralschäden in Kauf. Das Umsturznarrativ ist keine intellektuelle Übung für utopische Zeiten: Mit Blick auf die USA sind revolutionsartige Ereignisse in mittelfristiger Zukunft zumindest nicht auszuschliessen. Eine ernsthafte Revolution – ganz gleich von welcher Seite – produziert ein paar Gewinner und sehr viele Verlierer.
Es ist beklemmend, dem Erfolg eines weltweiten autoritären Angriffs auf die Demokratie zuzusehen. Ich verstehe den Zorn angesichts der enormen Ungerechtigkeit, die der Kapitalismus produziert. Doch wenn ich auf die aktuellen Pathologien des demokratischen Projekts blicke, dann empfinde ich keine konstruktive Wut. Vielmehr beschleicht mich ein beunruhigendes Gefühl: Rechtstaatlichkeit, Pluralismus, demokratische Partizipation – der Grundkonsens den wir teilten, wirkt heute wie eine verblasste Illusion.
Vielleicht erscheint das wie ein zynischer Blick auf die eigene Situation. Doch ich möchte weder einer Rechtfertigung der bestehenden Ordnung noch einer naiven Umsturzfantasie das Wort reden. Der Sturm der Autokratie zieht auf in einer Phase enormer Reichtumskonzentration. Demokratische Gegenmachtbildung ist deshalb vor allem ein Kampf um ökonomische Gleichheit und Mitbestimmung. Gerade jetzt drängt sich mir die Frage auf, wie eine demokratische Wirtschaftspolitik denkbar ist, während sich weltweit autoritäre Kräfte formieren. Eine pragmatische Antwort auf diese Frage wäre ein wahrlich revolutionärer Umbruch.

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Hoffnung rechnet nicht


Anatole Fleck
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Zu lange vor dem leuchtenden Rechteck gehockt, ohne neue Erkenntnis: ausgehöhlte Parolen auf ausgehöhlten Kanälen. Über der ordinären Idiotie schwebt auch heuer der Sonnenbank-König – unser orangefarbener Gandhi der Postmoderne, räudiger Ritter des Abendlandes, der Fascho-Bono ohne Brille und bar jeder Vernunft. Alles geht, Hauptsache, im Namen der Freiheit!
Vor der Haustür schlurfe ich wie eine Schildkröte über den Kies. Studiere, kurz innehaltend, die Furchen eines alten Holunders, ein Feldahorn-Wildling tanzt im Wind. Dann gleiten die Reifen über penibel abgeschrägte Randsteine – Züri-Finish. Am Ende der beeindruckenden Warteschlange, schwarzes Gold im Pappbecher. Starre auf den Brunnen, Zigaretten, sechs bis elf, weichen der Gier. Gefühlszustand: schwebend.
Der Stift wandert zurück in den Rucksack. Der Umsturz muss warten. Ich scrolle noch einmal durch alte Neuigkeiten. Wo sie meist inbrünstig gegen Velowege anschreiben, erkennen gar gutbürgerliche Kommentarspalten-Autor*innen hier den einen oder anderen Gessler. Aber ob das in der Breite ausreicht? Grösste Zweifel. Motto bleibt: Hauptsache, der Rubel rollt. Für Öl, Gas, Granaten und Raketen, für Eigentümer, für die Dickfische. Für den Pöbel reicht eine Krume des Kuchens. Und bringt die Chlorhühner! Es grinst dahinter immer breit: das Kapital.
Ja, so mögen wir’s halt. Die Spätsommer-Sonne steht im Zenit. Auf der langen Holzbank am Hegibachplatz spricht man nun englisch. Die Spätsommer-Sonne steht im Zenit. Auch sie finden es sehr sauber. Dass der Schere der Ungleichheit gleich die Schraube rausspringt, wir unsere Lebensgrundlagen zerstören, als wollten wir partout kein Morgen? Man könnte im Tram zur Tirade ansetzen – die Dichte an Kopfhörern spricht dagegen. Und Verständnis, naja. Man werkelt zwar allseits am Untergang, aber so schnell kommt der auch wieder nicht. Ich rolle weiter. Dann doch lieber Dosenbier mit Fussball.
Zurück am grösseren leuchtenden Rechteck. Das Notizbuch sammelt an angestammter Position wieder ersten Staub an. Streichle es zärtlich und schäme mich. Ist das Leben schlicht noch zu gut, im grossen Paternoster gen Apokalypse? Wahrscheinlich. Ganz sicher ist es das im trauten Heim, im ewigen Strom guten Fernsehens, in den endlosen Bildarchiven. Hier darf man nicht mehr nur ungeniert konsumieren, sondern zugleich Teil des Produkts sein. Also Bitcoin to the sun und für Tilly Norwood einen Oscar. Die digitale Welt kommt uns zu Hilfe, gegen Bewusstsein und Verantwortung.
Sonntagnachmittag. Ein falscher Klick beim verzweifelten Durchblättern zahlloser Browser-Tabs – das fremde Wissen ist entglitten. Der halbmündige Schreibende bleibt heillos überfragt. Die Umklammerung löst sich, wische jetzt Gummibaumblätter ab. Draussen rauschen Bäume um die Wette, der lokale Krähen-Trupp krächzt und flattert. Eine winzige Springspinne rast über den Tisch, sonnt sich auf dem Kalkstein vor dem Fenster. Freude flutet mich plötzlich. Die Natur kennt keine Leerläufe. Und man mag geistig davonrennen. Man mag einen kleinen, alltäglichen Drachen mit Mails erschlagen. Man mag vom postfaktischen Zeitalter faseln. Auch die grösste Ablenkung bleibt eine Ablenkung. Die reale Welt holt einen ein. Die grossen Drachen warten. The revolution will not be televised. Und Hoffnung rechnet nicht.

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DAS GESCHRIEBENE WORT

Luxus für Alle

von Wolfgang Bortlik

Dieses kleine Poesiealbum mit Umstürzen und Revolutionen ist unvollständig und beschränkt sich auf Europa. Vielleicht hat es ja auf irgendeinem abgelegenen Archipel oder in den Höhlen tief unter dem Eis des Südpols einmal eine gelungene Revolution gegeben und die Menschen und Tiere und Pflanzen dort leben seither in Glückseligkeit. Europa jedoch ist nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte, auch wenn jede Rebellion, jede Revolte gegen Staat und Kapital selbstverständlich auch ihre Erfolgsmomente hatte, die sich im historischen Gedächtnis ansammeln.
«Alle Gründe, eine Revolution zu machen, sind gegeben. Keiner fehlt. Das Scheitern der Politik, die Arroganz der Mächtigen, die Herrschaft des Falschen, die Vulgarität der Reichen, die Industriekatastrophen, das galoppierende Elend, die nackte Ausbeutung, der ökologische Untergang – von nichts werden wir verschont, nicht einmal davon, informiert zu sein … Alle Gründe sind gegeben, aber nicht die Gründe machen eine Revolution, sondern die Körper. Und die Körper sitzen vor den Bildschirmen.»
So beginnt das dritte Manifest des «Unsichtbaren Komitees», eines linksrevolutionären französischen «Thinktanks», das 2017 mit dem Titel «Jetzt» erschienen ist.
Das klingt selbstverständlich gut, und gerne würden wir glauben, dass wir bloss aufstehen müssten, nachdem wir den Bildschirm abgeschaltet haben. Unsere kleine Revolutions-rundreise jedenfalls beginnt in Paris.

Es war einmal
Seit der grossen Französischen Revolution 1791 mit Liberté, Egalité und Fraternité – die Schwestern hatte man ausgelassen – ist Frankreich das Mutterland der Revolutionen. Dass der sogenannte Pöbel es damals schaffte, einen König zu köpfen, das war immerhin eine Errungenschaft.
Achtzig Jahre später, als sich die Arbeiterklasse international organisiert hatte und den Staat und die politische Gewalt entweder übernehmen (Marxisten) oder abschaffen (Anarchisten) wollte, überraschte die sogenannte Pariser Kommune die Welt. Während des Deutsch-Französischen Kriegs revoltierte die Bevölkerung von Paris und anderen Städten gegen das verhasste Regime Napoleons III.
72 Tage im Frühjahr 1871 dauerte die Commune und ihr Kampf für eine befreite Stadt.
«Mehr als 10 000 Frauen kämpfen in diesen Maitagen einzeln oder zusammen für die Freiheit. Blanche Lefebvre sucht mich an der Barrikade auf, die den Zugang zu der Rue de Clignancourt versperrt … Etwas später kommt Dombrowski zu Pferd mit seinen Offizieren vorbei.
«Wir sind verloren», sagt er zu mir.
«Nein» sage ich zu ihm.»
Das schrieb die Anarchistin Louise Michel in ihren Erinnerungen an die Tage der Commune. Sie hat trotz der blutigen Niederschlagung des Aufstands irgendwie recht behalten.
«Wirklichen Luxus gibt es nur als gemeinsamen Luxus. Diese schlichte Erkenntnis war ein Leitgedanke bei der Errichtung der Pariser Kommune. Ein Experiment einer demokratischen Selbstorganisation des gesellschaftlichen Lebens von unten, von der Gleichstellung der Geschlechter bis zur Idee einer egalitären Weltrepublik.»
Das wiederum hat heute die amerikanische Professorin Kristin Ross über die revolutionäre Strahlkraft der Pariser Kommune geschrieben. Ihr Buch «Luxus für alle. Die politische Gedankenwelt der Pariser Kommune» ist nur zu empfehlen.

Deutschland wäre nach marxistischer Vernunft das Vaterland des Proletariats gewesen. Die Arbeiterklasse als die Mehrheit der Gesellschaft, die sozialistische Partei machtvoll im Parlament. Dann, hoppla, die Diktatur des Proletariats. Aber mach mal mit den Deutschen eine Revolution. Da kommt bloss eine Waschmittelmarke dabei heraus.
Eine Revolution gab es stattdessen in Russland, einem industriell unterentwickelten Riesenland. Karl Marx muss in seinem Londoner Grab rotiert haben.
Die Bolschewiki, also Lenin und Genossen, sahen sich als Avantgarde und hatten es eilig. Das bürgerliche Machtinstrument, den Staat einfach zu übernehmen und als Diktatur des Proletariats bzw. einer Partei auszugeben, bedeutete das Ende einer Revolution von unten. Statt Freiheit gab es Zwang und spätestens Stalin hat dann gezeigt, was für ein Elend dabei herauskommt. Weg mit dem Staat, das müsste offensichtlich die erste Forderung einer im Ansatz erfolgreichen Revolution sein.

Eine freiheitliche Revolution
Nächster Versuch, 1936 in Spanien. Als nach den Wahlen die republikanische Volksfront siegt und die Monarchie verliert, passt das den äusserst reaktionären Militärs überhaupt nicht. Unter der Führung von General Francisco Franco putschen Truppen in der damaligen spanischen Kolonie Marokko, setzen auf die spanische Halbinsel über und beginnen einen Bürgerkrieg.
Aber zuvorgekommen sind dem die spanischen Arbeiter*innen, Bauern und Bäuerinnen. Deswegen ist es auch erst mal kein Spanischer Bürgerkrieg, sondern eine Revolution. In den ersten drei Monaten geht die soziale Umwälzung ihren Weg und verbreitet sich über die Gebiete Spaniens, in denen die reaktionären Militärs noch nicht herrschen.
Katalonien, wo eine starke anarchistische Tradition vorherrscht, ist die erste Region, in der die Militärs besiegt werden. Dort behauptet sich die «Arbeitermacht». In der Stadt werden die Fabriken übernommen, das öffentliche Leben wird neu organisiert. Auf dem Land werden die Grundbesitzer und die Vertreter der katholischen Kirche verjagt, die Bauern und Bäuerinnen gründen Produktionskommunen. Die Menschen nehmen ihr Leben in die eigene Hand. Die soziale Revolution marschiert.
Aber General Franco wird von Deutschland und Italien unterstützt, während bei der Linken der Einfluss der Stalinisten immer stärker und jedes soziale Experiment verhindert wird. Auch die zahlreichen internationalen Brigaden können das faschistische Militär nicht in Schach halten.
Die grosse Frage ist: Soll man die Revolution wagen oder gegen die Faschisten kämpfen bzw. wie gelingt beides zugleich?
Carlos Semprun Maura hat mit seinem Buch «Revolution und Konterrevolution» in Spanien ein Standardwerk über die soziale Revolution und den Kampf um die Selbstverwaltung von unten und deren Zerstörung durch Bürokratie und auch anarchistische Politik geschrieben.

1968 hatte die Studentenrevolte zumindest in Frankreich kurz den Anschein einer Revolution, als sich Student*innen und Arbeiter*innen für einen Moment verbünden und die Grande Nation an den Rand des Abgrunds schubsen.
In Deutschland sind die 68er-Proteste eher eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus. In der Nachfolge gründen sich jede Menge marxistischer Sekten, die immer noch mit dem Proletariat als revolutionärem Subjekt rechnen. Die Arbeiterklasse hat sich aber längst abgewandt.
Wichtig ist immerhin die Anti-AKW-Bewegung, die ein breites Bündnis in der Bevölkerung schafft und hierzulande unter anderem das AKW Kaiseraugst gegen Staat und Kapital verhindert. Quasi der grösste revolutionäre Erfolg in der Schweizer Geschichte.
Und dann wollen wir auch nicht die sogenannten Jugendunruhen der frühen 1980er-Jahre vergessen. Es geht nicht mehr um den Umsturz der Gesellschaft, sondern eher um die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Und um Freiräume, die man sich nimmt. Das könnte man durchaus als Kulturrevolution bezeichnen.

Was ist heute los?
Es ist alles komplexer und komplizierter geworden. Früher hatte man ein sogenanntes revolutionäres Subjekt, das für seine Befreiung kämpfte: die unterdrückte Arbeiterklasse, die leibeigenen Bauern, was immer auch. (Das waren noch Zeiten!). Der internationale Kapitalismus in all seinen verschiedenen Formen erscheint heute unangreifbar. Und die Macht im Staate mittels demokratischer Wahlen zu erreichen, das ist ungefähr das Langweiligste überhaupt. Aufstand und Revolte sind lokal geworden. Es geht um die unmittelbaren Grundlagen des Lebens, etwa das Klima.
Deswegen sind wir wieder in Frankreich. Innerhalb weniger Jahre haben sich die «Aufstände der Erde» als eine der wichtigsten aktivistischen Gruppen der französischen Umwelt- und Klimabewegung etabliert. Mit spektakulären Aktionen, darunter Sabotage und Blockaden, wehrt sich die Gruppe etwa gegen extrem energieverbrauchende und umweltvergiftende Industrien. Zugleich unterstützt «Aufstände der Erde» lokale Kämpfe wie den Widerstand gegen die Mega-Bassines, riesige künstliche Wasserbecken, um Wasser für die intensive Landwirtschaft im Sommer zu speichern, indem im Winter Fluss- und Grundwasser dort hineingepumpt werden – ein ökologischer Wahnsinn.
Im Buch «Erste Beben» berichten Aktivist*innen von ihren Interventionen und diskutieren über die Organisation: «Es geht nicht darum, an einer zu grossen Aufgabe zu zerbrechen, sondern darum, sich methodisch die Mittel zu verschaffen, die ein Handeln ermöglichen.» Solange keine Partei dabei herauskommt, ist alles gut.
In diesem Zusammenhang sei noch auf das Buch «Wie man eine Pipeline in die Luft jagt» vom schwedischen Umweltaktivisten Andreas Malm hingewiesen. Anhand der Geschichte der Klimabewegung stellt er die unvermeidliche Frage: »Wann gelangen wir zu der Einsicht, dass es an der Zeit ist, auch zu anderen Mitteln zu greifen? Wann fangen wir an, die Dinge, die unseren Planeten ruinieren, physisch anzugreifen, mit unseren Körpern, sie mit unseren eigenen Händen zu zerstören? Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund, der uns so lange zögern liess?»

Playlist

Unsichtbares Komitee: Jetzt
Edition Nautilus, Hamburg 2017,
125 Seiten, CHF 22.— / EUR 16

Kristin Ross: Luxus für alle.
Die politische Gedankenwelt
der Pariser Kommune
Matthes & Seitz, Berlin 2021,
204 Seiten, CHF 28.— / EUR 20

Louise Michel: Die Pariser Commune
Mandelbaum Verlag, Berlin/Wien
2021, 415 Seiten, CHF 36.— / EUR 28

Carlos Semprun Maura: Revolution und Konterrevolution in Katalonien.
Verlag Edition AV, Bodenburg 2024, 336 Seiten, CHF 29.— / EUR 20.60

Andreas Malm: Wie man eine
Pipeline in die Luft jagt. Kämpfen
lernen in einer Welt in Flammen.
Matthes & Seitz, Berlin 2020,
211 Seiten, CHF 31.— / EUR 22

Aufstände der Erde: Erste Beben
Assoziation A, Hamburg/Berlin 2025, 349 Seiten, CHF 34.— / EUR 24

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PFLICHT LEKTüRE


Tine Steen «Die kochenden Affen»

Garen im Geysir

Die Technik des Kochens war offensichtlich ein Gamechanger in der Entwicklung des Menschen. «Die aktuelle Forschung besagt, dass die Menschen erst zu Menschen wurden, als sie anfingen, ihre Nahrung zu manipulieren.» So schreibt Tine Steen in ihrem Sachcomic Die kochenden Affen. Die bildende Künstlerin, die vor einigen Jahren zum Comic fand, geht der Frage nach, wie Menschen zum Kochen kamen und wie die Entwicklung der Nahrungsaufnahme mit der Evolution des (ur-)menschlichen Körpers, mit Geschlechterrollen und sozialen Strukturen zusammenhängt beziehungs­weise diese geformt hat. Steens Comic bietet jede Menge überraschende Entdeckungen aus dem Bereich der Ernährungsgeschichte. Das reicht von der Betrachtung des Kochens als eine Art teilweise ausgelagerter Verdauung über das Phänomen steinzeitlicher Muschelparties und die Effizienz des Jagens im Verhältnis zum Sammeln von Nahrung bis zu «den besten Rezepten der letzten 3 Millionen Jahre» – wie etwa Garen im Geysir, Mongolische Murmeltiere, Geröstete Grashüpfer oder Raupenpulver.
Der grafische Stil erinnert stellenweise an eine coole Kreuzung aus den feministischen Sachcomics von Liv Strömquist und den verrückten Bilderbuchillustrationen von Nadia Budde: einerseits das für Strömquist typische, auch mal Seiten füllende Lettering in blockiger Schrift, andererseits die etwas groben, lustvoll karikierenden Zeichnungen von Affen, Steinzeitmenschen oder Leuten von heute. Dieses Artwork bringt die Komik sehr gut zur Geltung, die den Comic in zeichnerischen Details und Dialogen durchziehen. Die Kolorierung wechselt dabei zwischen Passagen in lichten und leuchtenden Farben und in schwarzweiss-grau gehaltenen Seiten.
Tine Steen erklärt und verhandelt in den einzelnen Kapiteln ihres so informativen wie vergnüglichen Comics verschiedene anthropologische Hypothesen, immer in enger Verschränkung von Bild und Text – und ohne Textwüsten. Sie schöpft aus den Möglichkeiten, die das Medium Comic bietet, etwa, um Entwicklungen und Forschungsergebnisse zu visualisieren und in Form nachempfundener Dialoge und Szenen unterhaltsam aufzubereiten. Eine Comic-Zeichnerin kann eben auch einfach mal empörte Schimpansen bei der vergeblichen Suche nach jungen Trieben oder entspannte Bonobos in geselliger Runde belauschen oder die affenähnliche menschliche Urahnin Lucy vors Mikro bitten und zu den Lebensbedingungen in der Savanne befragen.

– Barbara Buchholz

Tine Steen – Die kochenden Affen
Avant-Verlag, 296 S.,
Softcover, farbig, CHF 38.— / EUR 29

Max Baitinger – «Hallimasch»

Alte Bindungen

«Was macht die Revolution?» fragt Dietz sein Gegenüber, das er aber nur als Mailbox-Ansage erreicht. Dietz, 48, Ingenieur und in seiner Freizeit auch Judolehrer, ist voller Tatendrang: Am Wochenende geht es gemeinsam mit Volker zu Acki nach Leipzig. Die drei sind alte Schulfreunde und haben sich länger nicht gesehen. Auch wenn Acki seine Mailboxnachrichten nicht beantwortet und Volker, ein kaum erfolgreicher Musiker und Kleptomane, etwas kränklich ist – Dietz und seine überschäumende Vorfreude kann nichts und niemand bremsen. Doch, in Leipzig angekommen, ist Acki immer noch unauffindbar. Dessen alternativer Lebensstil hat in ein besetztes Haus geführt, da ist er aber nicht mehr. Besonders gut auf ihn zu sprechen scheint hier auch niemand zu sein. Dietz sucht notorisch optimistisch weiter, während der wortkarge Volker Dinge einsteckt oder auch einfach nur vom Hocker fällt.
Max Baitinger nimmt sich für sein sechstes Buch wieder einmal des Themas Freundschaft an. Schon in seinem Meisterwerk Röhner ging es darum, wie man mit dem Gegenüber auskommt. Hier stellt das Szenario ähnliche Fragen auf einer Freundschaftsebene, wobei die eher behauptet wird, als gelebt. Man kennt das: Schulfreundschaften, die sich auseinandergelebt haben. Man weiss, dass da nicht mehr viel ist, was einen verbindet, die Nostalgie – oder was auch immer – lässt einen aber daran festhalten. Von aussen betrachtet könnten die drei Männer (eigentlich sind es ja nur zwei, vom dritten gibt es nur noch Spuren) kaum unterschiedlicher sein, aber Dietz will das nicht sehen, und so vollzieht sich ein Abenteuer aus Miss- und Unverständnis, das Baitinger in seinem einzigartigen experimentellen und mitunter fast in die Abstraktion gleitenden Stil mit lakonischem Humor einfängt.

– Christian Meyer-Pröpstl

Max Baitinger – Hallimasch
Reprodukt, 200 S., Softcover, s/w,
CHF 36.— / EUR 24

Joe Sacco: «Indien – Öl ins Feuer»

Demokratie als Fluch?

Der Journalist Joe Sacco ist bereits an vielen Orten auf der Welt gewesen, um dort von Konflikten zu erzählen. In Palästina beziehungsweise Gaza, in Bosnien und Sarajevo, im Kaukasus und dem Irak, auch bei Indigenen in Kanada war er, um über deren Situation in einer Comic-Reportage zu berichten. Über Indien hat er bereits in einer Kurzgeschichte in dem Sammelband Reportagen geschrieben. In seinem neuen Comic hat er sich nun intensiv mit dem Konflikt zwischen Hindus und Moslems in Indien auseinandergesetzt. Im Bezirk Uttar Pradesh geht er einem Vorfall nach, der Massenproteste, Ausschreitungen und viele Tote und Verletzte zur Folge hatte. Sacco befragt im Wechsel Beteiligte und Beobachter beider Religionen, erforscht den Zeitstrahl des Konflikts, der wie so oft auf die Kolonialzeit beziehungsweise den Moment, in dem die Kolonialstaaten ein Land verlassen, zurückreicht. Die Fülle an Parteien, Protagonisten und Ereignissen macht es nicht leicht, alle Details des Konflikts zu verstehen. Diese Verständnis-Probleme hängen aber auch mit den widersprüchlichen Entwicklungen zwischen Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, Freundschaft und Feindschaft zusammen, die oft nicht einmal die Beteiligten rückverfolgen können. So erscheint der gesamte Konflikt mitunter absurd und vermeidbar, und doch steht man daneben, wie wenn man einen Autounfall in Zeitlupe beobachtet.
Das Ende ist so tragisch wie fatalistisch: «Die Demokratie wird sich für unser Land als Fluch herausstellen», sagt einer von Saccos Protagonisten. Und über die beteiligten Menschen in dieser Demokratie: «Wir reden nicht von Maschinen, die man kontrollieren kann. Niemand weiss, was passieren wird». Das Säbelrasseln zwischen Indien und Pakistan im Frühling und die Unruhen im Nordosten im Herbst 2025 lassen wenig Raum für Hoffnung.

— Christian Meyer-Pröpstl

Joe Sacco: «Indien – Öl ins Feuer»,
Reprodukt, 144 S., Hardcover, s/w,
CHF 42.— / EUR 29


Erich Aichinger, Steph von Reiswitz (Illustrationen): «Bin ich untröstlich?».

Tod und Trost

Als ein guter Freund von Einstein starb, soll dieser zur Witwe gesagt haben: «Tröste Dich! Er wird immer gewesen sein.» Was mit dem Zitat ausgedrückt wird, entspricht so überhaupt nicht unserer Kultur, in der der Tod für die Auslöschung des Lebens eines Menschen steht. Denn es gilt, das Leben geht
weiter, nur nicht mit den Toten. Doch was ist mit den Hinterbliebenen und all ihren Erinnerungen, ihren Gefühlen, von Schmerz bis Wut, und natürlich ihrer Trauer? Bert Hellinger, der Erfinder der Familienaufstellung, hat als Erster in der Therapie die Rolle der Toten thematisiert, da die Erinnerung an sie weiterhin für wichtige Dynamiken bei den Hinterbliebenen sorgt. Nach dem Tod seiner Frau hat sich Erich Aichinger mit der Widersprüchlichkeit des Trauerprozesses beschäftigt, woraus sein Buch Bin ich untröstlich? ent­standen ist. In 50 Fragen benennt Aichinger ungewöhnliche Facetten der Trauer, die ihn überraschenderweise zu der Erkenntnis gebracht haben, Trauer sei sowohl gestaltbar als auch veränderlich. Seine Fragen zeigen dabei eine Entwicklung auf, vom emotionalen Durcheinander über Suchen, Finden, Verlieren hin zu einem allmählich klarer werdenden neuen Selbst- und Weltbezug. Trauernde müssen nicht unweigerlich in ein Loch fallen, wie es das Cover des Bandes ziert, sie können auch wieder in die sogenannte Selbstwirksamkeit kommen und damit Zuversicht erlangen. Steph von Reiswitz hat mit ihren Illustrationen Aichingers Gedanken in eindringliche grafische Miniaturen verwandelt, die die Leser*innen sowohl zum Mitfühlen, Nachdenken als auch Lachen bringen. Aufgrund ihrer Erfahrungen der Trauer war auch für sie das Buch ein Herzensprojekt, was man an der liebevollen Gestaltung sehen kann. Neben Prägedruck und Klappenbroschur zeichnet die Publikation eine fein aufeinander abgestimmte Auswahl der Farben und des Papiers aus, was es zu einem besonderen Kleinod macht. Ein Kleinod, das Aichinger denen gewidmet hat, «ohne die alles nichts gewesen sein wird.»

— Matthias Schneider

Erich Aichinger, Steph von Reiswitz
(Illustrationen): «Bin ich untröstlich?».
Favoriten Presse, 112 S.,
Softcover, farbig,
CHF 27.90 / EUR 18

Jean-Christophe Deveney, Tommy Redolfi: «Les Météores: Histoires de ceux qui ne font que passer»

Die Kraft kleiner Gesten

Jean-Christophe Deveney und Tommy Redolfi entwerfen in Les Météores:
Histoires de ceux qui ne font que passer eine stille Apokalypse. Kein Aufstand, sondern ein Riss im Alltag. Kein Barrikadenkampf, sondern ein kosmischer Countdown. Ein Asteroid rast auf die Erde zu, während das Leben in einer verschneiten US-Kleinstadt scheinbar unverändert weiterläuft. Die Autoren verweigern den Katastrophen-Pathos und inszenieren stattdessen eine leise, intime, fast unsichtbare Revolution.
Die Protagonist*innen – Floyd, der sanfte Riese mit Gedächtnislücken, Hollie, die erschöpfte Pflegekraft, Casey, die einsame Nomadin – sind Körper in Bewegung, deren Bahnen sich zufällig kreuzen. Der drohende Einschlag wirkt wie ein Störsignal im Alltagsrauschen. Sie sind in ihrer Routine gefangen, bis die drohende Katastrophe einen inneren Aufstand auslöst. Die Umwälzung ist in diesem Fall existenziell. Ein Bruch mit der Monotonie, ein Aufbegehren gegen das eigene Schweigen. Elijah und Leblond, zwei Jugendliche auf einer Brücke, träumen von einem Unfall. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus Sehnsucht nach Veränderung. Ein kleiner Akt, ein Stein, könnte alles kippen. Diese Spannung durchzieht das Werk, wie das Bedürfnis, etwas zu tun, bevor alles endet.
Redolfis Zeichnungen verstärken die leisen Veränderungen. Die Weite der Schneelandschaften kontrastiert mit der Enge und Isolation der Leben. Jede Doppelseite, welche die sich nähernde Bedrohung illustriert, zeigt die Natur als ultimative Revolte gegen menschlichen Hochmut. Während die Medien beschwichtigen und Konsumtempel wie Aéki weiter Möbel verkaufen, entblösst die Erzählung die Fragilität unseres Daseins.
Les Météores ist ein Roman über die Kraft kleiner Gesten angesichts des Niedergangs. Eine stille Erkenntnis, dass jede Existenz, so unscheinbar sie scheint, ein revolutionäres Potenzial birgt: das Recht, anders zu leben, bevor alles verglüht.

— Giovanni Peduto

Jean-Christophe Deveney,
Tommy Redolfi: «Les Météores: Histoires
de ceux qui ne font que passer».
Éditions Delcourt, Paris 2024,
in französischer Sprache, 308 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 44.50 / EUR 34,95

David Proudhomme: «Rembetissa»

Griechischer Blues

«Metaxas hat seine tollwütigen Hunde losgelassen», erklärt die Tavernen-Besitzerin Katina den Musikern, die Abend für Abend bei ihr auftreten und den mittlerweile verbotenen Rembetiko spielen. «Die sind alle übergeschnappt! Im Radio verbieten sie schon Lieder mit orientalischen Klängen. Es brennt wirklich lichterloh!» David Proudhomme lässt sein neues Werk Rembetissa mit einer Diskussion darüber beginnen, ob man sich der neuen politischen Realität anpassen und den Musikstil ändern oder für die Freiheit der Kunst Verfolgung, Gewalt und Gefängnis in Kauf nehmen sollte. «Katina, ich spiele nicht einfach Musik, das ist
mein kulturelles Erbe», antwortet einer der Musiker. «Etwas anderes zu spielen hiesse, einen Schlussstrich unter all das zu ziehen. Das wäre ein zweites Exil. Der Entwurzelung das Vergessen hinzufügen. Jede Note ein Ausradieren.»

Als 1936 die Diktatur von General Metaxas installiert wurde, wollte der neue Herrscher Griechenland verwestlichen, und Teil dieses Projekts war die Zensur
des «griechische Blues», des Rembetiko, einer musikalischen Zusammenkunft von West und Ost. Rembetiko entstand in den Armenvierteln der griechischen Hafenstädte, verknüpfte musikalische Traditionen Griechenlands mit jenen des Orients. Proudhomme schreibt in seiner Vorrede zum bereits 2010 erschienenen Vorgängerband Rembetiko über diese Musik: «Man hört den Schmerz des Exils, die Romantik der Häfen, das Streunen der Nachtschwärmer, ihre leidvollen Liebesgeschichten. Das Scheitern und den Humor.»
Damit umschreibt Proudhomme nicht nur die titelgebende Musik, sondern auch seinen eigenen Comic, der durchzogen ist von diesem Scheitern und dem Humor, der sich in den Texten der Songs ebenso wiederfindet wie in der Handlung, alles Aspekte, die auch für die Fortsetzung Rembetissa gelten. Diesmal sind es die Frauen, die der Zeichner in den Mittelpunkt rückt. Neben der Kneipenwirtin Katina porträtiert er zwei Sängerinnen, die sich entscheiden müssen, wie sie mit
der Zensur ihrer Musik umgehen sollen; bleiben oder ins Exil gehen, singen oder verstummen. Als schliesslich das Hafenviertel abbrennt, in dem die Musiker gelebt haben, Katina verhaftet und ihre Taverne geschlossen wird, scheint Metaxas fürs Erste gewonnen zu haben. Doch der Rembetiko wird weitergespielt, anderswo, in neuen Tavernen und Hafenkneipen.

Proudhomme setzt Farben in seinem Comic wie Noten oder musikalische Leitmotive ein, komponiert über die Farbgebung Grundstimmungen der verschiedenen Episoden, die er ineinander übergreifen lässt. Zentral ist für ihn die Frage nach der Bedeutung von Kultur für die politische Artikulation, die er als Grundthematik seinen Comics unterschiebt. Der Rembetiko stellt in den Augen der Machthaber eine Bedrohung dar, eine Form des Widerstands gegen das politische System, und einen Affront gegen eine Kulturpolitik, die Musik von Randfiguren der Gesellschaft nicht dulden will. So weist Proudhomme mit seinem Comic auch über die konkrete Zeit und politische Situation hinaus und fragt nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft allgemein. Seine Antwort ist der Comic, in all seiner Ambivalenz und subversiven Kraft.

– Jonas Engelmann

David Proudhomme: «Rembetissa»
Reprodukt, 112 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 33.– / EUR 25


Hayao Miyazaki: «Nausicaä aus dem Tal der Winde»

Miyazaki auf Papier

Die Erde ist seit mehreren Jahrhunderten in einem erbärmlichen Zustand. Nach mehreren vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen überziehen Wälder aus Riesenpilzen, deren stinkende Sporen die Luft verpesten, den Planeten.
In diesen Wäldern wachsen monströse Mutationen wie die Ohmus und gigantische Insekten heran. Das Überleben der Menschheit steht auf der Kippe – doch statt sich zusammenzuraufen, um den endgültigen ökologischen Kollaps abzuwenden, führen die überlebenden Königreiche Kriege um den spärlichen Lebensraum und die letzten Ressourcen.

Hayao Miyazaki begann 1982 mit der Arbeit am Manga Nausicaä aus dem Tal der Winde, den er bereits 1984 zum gleichnamigen Anime verarbeitete. Der Erfolg des Films erlaubte Miyazaki die Gründung des Studio Gibli. Den Manga konnte Miyazaki, der in den 1980er-Jahren seinen Durchbruch als Animationsfilmer erlebte, deshalb erst 1992 abschliessen.

In dieser über 1000 Seiten starken Dystopie zwischen ScienceFiction, Fantasy, Mythologie und Zeitkritik umkreist Miyazaki viele Themen, die danach in seiner Arbeit immer wieder auftauchen sollten: Ökologie, Krieg, aber auch alternative Energien und Technologien wie Windkraft und Keramik.

Nausicaä ist die Tochter des sterbenden Fürsten aus dem von anderen Königreichen bedrohten Tal der Winde, einer egalitären agrarischen Gemeinschaft, die Miyazakis marxistische Ideale widerspiegelt.

Sie ist mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute gesegnet und macht sich auf, die Welt, nun ja, zu retten. Das klingt nach Fantasy-Dutzendware – ist es aber nicht: Miyazaki ist ein Pessimist, und auch wenn Nausicaä bisweilen übertrieben gut und rein ist, entschädigt er seine Leser*innen durch die
Vielzahl anderer Figuren, die wesentlich widersprüchlicher und deshalb glaubhafter gezeichnet sind. Die Erzählungen und Perspektiven dieser Gefährt*innen und Widersacher*innen Nausicaäs verknüpft Miyazaki, ohne die einzelnen Figuren moralisch zu werten, zu einem enorm vielschichtigen Handlungsgeflecht.

Nausicaä aus dem Tal der Winde ist ebenso komplex wie fesselnd und nimmt immer wieder überraschende Wendungen. Miyazaki bietet keine einfachen Lösungen an, und der Schluss ist, im Vergleich mit der Verfilmung, düster und pessimistisch.
Der Carlsen Verlag veröffentlichte Nausicaä aus dem Tal der Winde bereits 2001 und 2010 in sieben Softcover-Bänden. Nun legt Carlsen eine neue Ausgabe in vier Hardcover-Bänden vor: Das Format ist leicht grösser, und die filigranen und detailreichen Zeichnungen – in erdigorganischen Brauntönen – sind
viel klarer gedruckt und kommen endlich richtig zur Geltung.
Inhaltlich und künstlerisch hat Nausicaä ohnehin nichts an Dringlichkeit und Aktualität
verloren.

–Christian Gasser

Hayao Miyazaki: «Nausicaä aus dem Tal der Winde»
4 Bände, aus dem Japanischen von Jürgen Seebeck und Junko Iwamoto,
Carlsen Verlag, 216–316 S.,
Hardcover, ab CHF 28.– / ab EUR 20

Roberto Grossi: «Die grosse Verdrängung»

Niemand handelt

Der Klimawandel ist längst kein abstraktes Zukunftsszenario mehr – und doch fehlt es weltweit an entschlossenem Handeln, um ihn wirksam zu begrenzen. Roberto Grossis Graphic Novel Die grosse Verdrängung bringt diese globale Lähmung mit visueller Schärfe und analytischer Tiefe auf den Punkt. In einer klugen Verbindung von Sachcomic, politischer Analyse und autobiografischer Erinnerung gelingt ihm ein Werk, das informiert, berührt und verstört.
Grossi beginnt bei der planetaren Gesamtlage und dringt dann über die ökologischen und biologischen Auswirkungen zu den sozialen Folgen vor – wie Ungleichheit, Krieg und geistige Verdrängung. Dabei gibt er den gesellschaftlichen Ursachen der Erderwärmung viel Raum – und zeigt, wie eng Klimawandel und Machtverhältnisse miteinander verknüpft sind.
Stark sind die Rückblenden in Grossis Kindheit: Die einst majestätischen Gletscher am Mont Blanc, etwa das Mer de Glace, sind heute dramatisch geschrumpft. Ihr Rückgang steht sinnbildlich für die Erderwärmung. Der Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzeugt eine beklemmende Wucht, die sich durch das ganze Werk zieht.
Grossi arbeitet konsequent mit visuellen Kontrasten. Über viele Seiten hinweg stellt er auf jeweils zwei Panels gegensätzliche Aspekte des Klimawandels einander gegenüber: So kontrastiert er schmelzende Gletscherzungen mit Autobahnen, die Rakete eines Milliardärs mit einer PET-Flasche zum Wassersammeln oder schwindende Eisblöcke mit wuchernden Kunstschneepisten. Diese wortkargen Bildfolgen entfalten eine unheimliche Chronik des Verlusts, die ihre Wirkung nicht verfehlt: Leser*innen erleben so den Klimawandel als unerbittliche Serie negativer Ereignisse, die betroffen macht.
Doch hier liegt auch die Schwäche des Werks: Aus der Betroffenheit entsteht kein politischer Handlungswille. Grossis Kritik an der globalen Elite, die nachweislich den Grossteil der CO2-Emissionen verursacht, greift ins Leere, seine politische Analyse bleibt einseitig und echte Handlungsoptionen fehlen. Die Entmachtung der Eliten und das Ende des Kapitalismus reichen nicht aus, um die Erderwärmung zu stoppen. Auch demokratische Staaten müssen komplexe Aushandlungsprozesse führen, um eine weltweite Klimapolitik wirksam zu gestalten.
Wie er dieses Dilemma zum Schluss künstlerisch aufgreift, ist dann wieder grossartig: In einer Sequenz immer kleiner werdender Panels versinken Porträts von Menschen langsam im Meer, bis zuletzt nur noch der leere Ozean bleibt. Die Frage «Können wir uns unserer Verantwortung entziehen?» hallt so noch lange nach – und macht Die grosse Verdrängung zu einem eindringlichen Appell in Comicform.

Florian

Roberto Grossi: «Die grosse Verdrängung»
Avant Verlag, 208 S.
Flexcover, farbig
CHF 37.90 / EUR 25

AUTORTITELXXXXXXXXXX

Der Pfiff aufs Ganze

Gesinnungen jeder Art seien abzulegen, forderte Walter Serner in seinem Manifest Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche die es werden wollen, das beim ersten Vortrag 1918 in Zürich während einer Dada-Soirée zu Tumulten im Publikum führte. «Weltanschauungen sind Vokabelmischungen» warf er den Zuhörer*innen an den Kopf und schrie an gegen den Krieg, die Revolution, die Wahrheit der Sprache, gegen Metaphysik, Moral und Theorie. Und letztlich gegen Dada selbst: für die Buchveröffentlichung des immer weiter angewachsenen Textes 1927 hatte er sämtliche Bezüge zum Dadaismus gestrichen. Geblieben ist ein Manifest für Hochstapler, Glücksritter und Dandies auf der Suche nach Zerstreuung, ein Text der totalen Entlarvung der Verkommenheit der Gesellschaft, durchzogen von einer Ironie und Lakonie, einer assoziativen Gedankenführung, die bereits sprachlich die Sinnhaftig­keit philosophischer und literarischer Texte und in letzter Konsequenz der Gattung Manifest selbst hinterfragt. Auch in der Biographie von Serner selbst zeigt sich eine Entwicklung, die von der grossen revolutionären Geste hin zur kleinen Literatur der Aphorismen und schliesslich ins künstlerische Verstummen führt: gehörte er in der ersten Dada-Generation in Zürich noch zu den schärfsten und provokantesten Autoren, ein «grössenwahnsinniger Aussenseiter» (Tristan Tzara), hat er nach 1927 nichts mehr publiziert. 1942 wurde der als Walter Seligmann geborene Serner zusammen mit seiner Frau Dorotea Herz nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Nun hat sich der Wiener Künstler und Grafiker Dominik Hruza dem Manifest angenommen und in ein künstlerisches Comic-/Illustrations-Experiment überführt: Er hat eine KI mit Bildmaterial aus der Schaffenszeit Walter Serners gefüttert, sie trainiert, um dann Illustrationen zum Manifest erzeugen zu lassen, die Hruza wiederum um den Text Serners herum angeordnet hat. Die Personen, die diese Bilder bevölkern, wirken merkwürdig entrückt, wirken so leblos wie das bürgerliche Publikum, dem Serner nahelegte: «Es ist gegenwärtig in jeder Hinsicht empfehlenswert, auszusterben.»
Mit dieser Forderung scheint die KI überfordert und produziert einfach weiter die gleichen Bilder, die aus Modezeitschriften der Zwanziger zu entstammen scheinen. Durch diese offensive Teilnahmslosigkeit der Bilder wirken die Figuren nicht nur grotesk, sondern auch unheimlich, «generative Höllen-Breughel» nennt Thomas Raab im Nachwort die Bilder. Über Sinn und Unsinn eines solchen künstlerischen Experiments kann man streiten, Serner hätte der Idee, einer in die Zukunft gewandten Technologie eine leblose, grotesk überformte Vergangenheit anzutrainieren, um die in Letzte Lockerung formulierte Gesellschaftskritik zu unterstreichen, aber sicherlich etwas abgewinnen können.

– Jonas Engelmann

Walter Serner / Dominik Hruza: «Letzte Lockerung».
Moloko Print, 100 S.,
Softcover, farbig,
CHF 31.— / EUR 24


Gerry Alanguilan: «Elmer»

Eine Familiengeschichte mit Federn und Tiefgang

Als Elmer stirbt, versammelt sich seine Familie in seinem Haus, um Abschied zu nehmen. In diesem Moment der Trauer treten Risse in den Beziehungen zutage und unausgesprochene Spannungen brechen auf. In Elmer erzählt der philippinische Zeichner Gerry Alanguilan liebevoll eine Familiengeschichte voller Wärme. In dieser Familie wird geholfen und gestritten. Eine ganz normale Familie also. Fast. Denn Elmer und seine Familie sind Hühner – sprechende Hühner, die den Menschen in Sachen Intelligenz ebenbürtig sind!
Im Zentrum steht Jake Gallo, Elmers Sohn. Durch die Aufzeichnungen seines Vaters lernt er nicht nur dessen Leben kennen, sondern auch die gesellschaftliche Entwicklung der Hühner: Elmer gehörte zur ersten Generation sprechender Hühner, die die Mastbetriebe der Fleischindustrie verliessen und zu vollwertigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft aufstiegen.
Was zunächst absurd klingt, funktioniert überraschend gut: Elmer unterhält von der ersten Seite an und lässt einem die Figuren rasch ans Herz wachsen. Gerry Alanguilan erzählt mit einer leichten Feder, die keinerlei Denkakrobatik erfordert. Vielmehr berührt es nachwirkend, wie Jake Gallo die Geschichte seines Vaters aufarbeitet und sich dabei mit seiner Vergangenheit und mit den Menschen aussöhnt. Auch wenn Alanguilan ernste Themen wie Integration, Diskriminierung, Chancengleichheit, familiäre Konflikte und Vergebung anspricht, findet er den passenden Ton. Er überdramatisiert nicht und beschönigt nichts.
Die Figuren sind glaubwürdig, die Dialoge lebendig. Elmer ist eine feinfühlige Graphic Novel, die berührt und zum Nachdenken anregt, ohne sentimental zu wirken. Seit der Erstveröffentlichung 2009 hat sie nichts an Aktualität eingebüsst. 2011 wurde sie für den Eisner Award nominiert, und sie gewann zwei französische Comicpreise. Ihre Botschaft, dass Versöhnung über soziale Spaltung hinweg möglich ist, trifft bis heute ins Schwarze.

Elmer ist ein Höhepunkt der philippinischen Comic-Renaissance der 1990er- und 2000er-Jahre, die Alanguilan massgeblich mitgestaltete. Ursprünglich Architekt, arbeitete er als Tuschzeichner für die Superhelden-Verlage Marvel, DC und Image. Die Prägung durch US-Comics ist spürbar, doch sein Stil bleibt eigen: nuanciert, atmosphärisch dicht und grafisch präzis.
Alanguilan greift Themen auf, die bis heute typisch sind für philippinische Comics: Diktatur, Fremdherrschaft, Identität und soziale Ungleichheit. Dass Elmer nun auf Deutsch vorliegt, ist ein echter Gewinn. Dem Dantes Verlag ist ein besonderes Kränzchen dafür zu winden, dass er auch die philippinischen Comics von heute übersetzt.

– Florian Meyer

Gerry Alanguilan: «Elmer»
Dantes Verlag, 144 S., Softcover, s/w,
CHF 27.90 / EUR 18

Doug Murray, Michael Golden: «The ’Nam: 1966-1969 Omnibus»

Echtzeitkrieg

Als Marvel 1986 die Comic-Serie The ’Nam startete, war das eine radikale Abkehr vom üblichen Superhelden-Pathos. Sie zeigte den Vietnamkrieg in seiner brutalen Realität und ohne wundersame Rettung durch Supermenschen. Autor Doug Murray, selbst Vietnamveteran, und Zeichner Michael Golden entlarvten den Krieg als moralisches Minenfeld, das nicht Befreiung, sondern Entfremdung brachte. Murray wollte eine Comic-Code-konforme Serie schaffen, um zumindest einen Teil der Geschichte Kindern zu erzählen und Gespräche über den Krieg anzuregen. Im Zentrum standen nicht politische Strategien, sondern der Alltag einfacher Fusssoldaten und ihre persönliche Sicht auf den Konflikt.
Die Stärke von The ’Nam ist dessen Bezug zur Realität. Die ersten 13 Ausgaben basieren auf tatsächlichen Erlebnissen von Murray und seinen Kriegskameraden. Die Serie zeigt realen Alltag und die Korruption im System: Offiziere, die Statistiken frisieren, Medien, die Lügen verbreiten, und eine Heimat, die ihre Veteranen vergisst. Die Serie ist dokumentarisch und jede monatliche Veröffentlichung entspricht einem Monat der erzählten Handlung. So erleben die Leser*innen den Vietnamkrieg im selben Tempo, wie die Figuren ihn in der Geschichte erlebten.
Politisch ist The ’Nam ein Schlag gegen die Illusion des gerechten Krieges. Während traditionelle Kriegs-Comics wie Sgt. Fury, Fury and His Howling Commandos oder Sgt. Rock den Soldaten heroisch verklären, verweigert Murray jede Glorifizierung. Selbst Ereignisse wie die Tet-Offensive erscheinen als Trauma, nicht als Triumph. Bahnbrechend war die Serie durch ihre Nähe zur Kriegsrealität und ihre Dekonstruktion des Superhelden-Mythos, auch wenn Marvel später Gastauftritte von Captain America, Iron Man oder dem Punisher zulässt.
Allerdings bleibt The ’Nam weniger explizit antikriegerisch als alternative Comics jener Zeit wie Maus, Wenn der Wind weht oder gar die Serie Blazing Combat aus den 1960ern. Die vietnamesische Perspektive fehlt fast völlig. Trotzdem zählt The ’Nam – neben Filmen wie Platoon (1986) und Romanen wie A Rumor of War (1977) oder The Things They Carried (1990) – zu den bedeutendsten Chroniken eines nationalen Traumas. Eine grosse Veteranenorganisation lobte die Serie gar als beste mediale Darstellung des Vietnamkriegs.

– Giovanni Peduto

Doug Murray, Michael Golden: «The ’Nam: 1966-1969 Omnibus»
Marvel Comics, New York 2025,
in englischer Sprache, 1128 S.,
Hardcover, farbig, USD 125

Martin Oesch: «Fleischeslust»

Fleisch!

Eigentlich wäre Erwin alt genug für den Ruhestand, doch bringt er es nicht übers Herz, die Quartiermetzgerei Merz, die er zusammen mit seiner Frau Margrit führt, aufzugeben – nicht zuletzt, weil er keine Nachfolge findet. Den Laden einem Optiker zu überlassen und die ganze Einrichtung in der Metallsammlung zu verschrotten, nein, das schafft er nicht.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen essen weniger Fleisch, kaufen es lieber möglichst billig beim Discounter. Produktion und Verzehr von Fleisch werden zunehmend geächtet. Erwins Stolz auf sein Handwerk und insbesondere auf seine Würste wirkt aus der Zeit gefallen. Im Trend liegt anderes: Vegane Kost, Hafermilch, Tofu – für Erwin Fremdwörter, mit denen er sich nicht mehr anfreunden kann.

Comics über Metzger sind eher selten. Dass der junge Berner Autor und Zeichner Martin Oesch eine Metzgerei zum Schauplatz seiner ersten Graphic Novel macht, ist allerdings folgerichtig: Nach seinem Studium der Illustration an der Hochschule Luzern gründete der gelernte Metzger mit Freunden in Bern die Bio-Metzgerei La Boulotte. Mit Erwins Welt und seinen Sorgen ist Oesch – trotz des Altersunterschieds und einer grundsätzlich anderen Haltung dem Beruf des Metzgers gegenüber – also bestens vertraut.

Während Margrit zunehmend frustriert ist, weil im Bett zu wenig Fleischeslust zelebriert wird, leidet Erwin an Albträumen, die mit seinem Beruf zu tun haben. Er stürzt in eine Sinnkrise, sucht Freunde und Weggefährten auf, Bauern, Schlachter, Zwischenhändler, mit denen er sich in seiner lakonischen Art über den Lauf der Zeit austauscht. Viele passen sich an, erfinden sich neu, legen Gemüsegärten an; Tofu ist kein Schimpfwort mehr, und Cannabis entpuppt sich als tatsächlich wohltuendes Mittel zum Lindern von Erwins schwarzen Nächten.

Fleischeslust ist keine Abrechnung mit der Welt der Metzger*innen und Fleischfresser*innen, sondern eine melancholische Ballade über das Ende einer Zeit, über Umbrüche, die nicht alle vollziehen können. Oesch erzählt sie behutsam, mit Empathie, nicht morallastig, in bunten Filzstiftzeichnungen, in denen vor allem die intensiven fleischlichen Rosatöne auffallen.

Im Hintergrund schwingt immer auch Oeschs Reflexion über sein eigenes Verständnis als Metzger mit, ob und wie es möglich ist, Fleischverzehr, Tierwohl und Klima­schutz zu verbinden. Fleisch – so vielleicht das verkürzte Fazit – müsse zum regional produzierten Luxusgut werden.

Es geht Oesch in Fleischeslust, für das er das Stipendium der Schweizer Städte erhalten hat und für den Comicbuchpreis der Bertold-Leibinger-Stiftung nominiert wurde, allerdings weniger um das Aufzeigen von Lösungen, als um das genaue Beobachten einer Zeitenwende.

– Christian Gasser

Martin Oesch: «Fleischeslust».
Edition Moderne, 200 S.,
Softcover, farbig,
CHF 35.— / EUR 29


Virginia Woolf, Susanne Kuhlendahl: «Orlando»

Staying alive

Aktuell fragt man sich vermehrt, inwieweit wir am Ende der Evolution angekommen sind, wenn Generationen vor uns in gesellschaftlichen und sozialen Themen einfach viel fortschrittlicher waren. In der heutigen Zeit wird der folgend besprochene Comic sicherlich nicht in eine amerikanische Bibliothek aufgenommen werden, und auch die literarische Vorlage ist wahrscheinlich längst aus den Regalen verbannt worden. Virginia Woolf hat mit Orlando Weltliteratur geschrieben und einen Meilenstein für die Frauenbewegung und die queere Literatur geschaffen. In einer damals wie heute leider immer noch männerdominierten Literaturwelt war und ist sie eine Vorreiterin bei den Themen Emanzipation, Feminismus und Geschlechteridentität. Der Orlando-­Text ist nun knapp hundert Jahre alt, könnte aufgrund seiner Thematik nicht aktueller und zeitgemässer sein als jetzt. Susanne Kuhlendahl hat Woolfs surreale Auseinandersetzung mit Geschlechteridentität und den damit einhergehenden gesellschaftlichen und sozialen Konfrontationen in einen rauschhaften Roadcomic verwandelt. Erzählt wird die fiktive Biografie eines leidenschaftlichen jungen Adeligen, der nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch die Geschlechteridentität reist. Im 16. Jahrhundert beginnend, bedient sich Kuhlendahl dem Kunstgriff, den männlichen Orlando zunächst noch skizzenhaft zu zeichnen. Über die Jahrhunderte hinweg taucht der Protagonist in die Epochen ein, und aus dem männlichem geht die weibliche Orlando hervor, die nun, im 20. Jahrhundert angekommen, zeichnerisch als ausgereift und vollendet dargestellt wird. Ein atemberaubender Bilderrausch, der neugierig auf die literarische Vorlage macht, die hoffentlich auch in unseren Breitengraden weiterhin fester Bestandteil der Bibliotheken und des Literaturkanons bleibt.

— Matthias Schneider

Virginia Woolf, Susanne Kuhlendahl: «Orlando».
Verlag Helvetiq, 208 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 38.— / EUR 27

Franz Suess: «Jakob Neyder»

Die rote Freiheitsmaschine

Franz Suess widmet sich in seinen Geschichten mit Vorliebe Aussenseitern und Einzelgängerinnen, verschrobenen Charakteren; Leuten, die eher unten an der gesellschaftlichen Leiter stehen, in materieller Hinsicht wie auch, was das Sozialleben betrifft. Sie seien seinem Herzen näher, hat er selbst einmal dazu gesagt. Wer seine Comics liest, sieht dies an der Art, wie er diese Figuren beschreibt, wie er sie in seinen Zeichnungen lebendig werden lässt und ihnen immer eine gewisse Würde gewährt. Die Titelfigur in Franz Suess’ neuem Comic, der Jugendliche Jakob Neyder, lebt bei einer leicht überforderten Mutter in der Stadt; Jakobs engster Vertrauter scheint sein treuherzig blickender Hund Bruno zu sein; dann gibt es noch die On-off-Freundin Susi und den Schulfreund Tim. Keinem dieser Menschen in seinem Leben kann Jakob aber anvertrauen, was ihm zusetzt: Er hat vor kurzem im Affekt eine Straftat begangen, nun quält er sich mit der Schuld, von der er sich zunehmend verfolgt fühlt. Als seine Mutter ihn über die Ferien in das abgeschiedene Sommerhaus auf dem Lande schickt, um den kränklichen Bruno zu pflegen, ist Jakob nicht begeistert – aber immerhin besteht die Hoffnung, die Schuldgefühle abzuschütteln.
Der Österreicher Franz Suess hat Malerei und Grafik an der Kunstuniversität Linz studiert, hat grafisches Gestalten unterrichtet und ist erst spät zum Comic-Zeichnen gekommen. Der Hintergrund als bildender Künstler war schon seinen früheren Comics wie etwa dem malerisch kolorierten Kriminaldrama Diebe und Laien anzumerken. Die Farbgebung in Jakob Neyder charakterisiert unter anderem die unterschiedlichen Schauplätze der Geschichte: Der Teil, der in der Stadt spielt, ist in Schwarzweiss gehalten, in feinen harten Strichen, die fast wie Radierungen wirken; das effektvolle Spiel mit Licht und Schatten ist gepaart mit einem Lettering, das mal weiss auf dunklem Grund, mal schwarz auf weiss steht. Im Kontrast dazu steht Jakobs von der Mutter forcierter Ausflug aufs Land, der mit dem nahegelegenen Badesee Erfrischung bieten könnte. Hier leuchten die Seiten in kräftigen Farben; die Farbe Rot setzt anfangs lediglich Akzente – zum Beispiel an dem alten Fahrrad im Schuppen, das als Freiheitsmaschine im Nirgendwo fungiert – und erhält im Lauf der Handlung immer mehr Raum, in dem Masse, wie die Sommertage heisser und bedrohlich drückender werden und sich die Dinge für Jakob zuspitzen. — Barbara Buchholz

Franz Suess: «Jakob Neyder».
Avant-Verlag, 184 S.,
Hardcover, farbig,
CHF 38.— / EUR 29

Edel Rodriguez «Worm: A Cuban American Odyssey»

Die grosse Lüge

«You say you want a revolution…», sangen die Beatles 1968 und fragten damit, ob wir den Preis eines abrupten sozialen Wandels wirklich verstehen. Edel Rodriguez’ Worm: A Cuban American Odyssey kann als Antwort auf diese Frage gesehen werden: eine aussergewöhnliche Erinnerung daran, was nach dem Erfolg einer Revolution geschehen kann.
Im Januar 1959, ein Jahrzehnt bevor der Song Revolution die Charts stürmte, stürzten Fidel Castro und seine Rebellen die korrupte Regierung von Fulgencio Batista in Havanna, Kuba. Was danach kam, war eine andere Art von Tyrannei; ein kommunistisches Regime, das auf Überwachung, Angst und erzwungener Gleichheit beruht. Edel Rodriguez – einer der bekanntesten Illustratoren und politischen Karikaturisten der Gegenwart – wurde in einem Land geboren, das durch eine Revolution neu gestaltet und in dem die individuelle Freiheit im Namen einer Ideologie ausgelöscht wurde. Worm ist sowohl persönliche Geschichte als auch historisches Dokument und zeigt, wie die Versprechen einer Revolution zu Unterdrückung und Verweigerung grundlegender menschlicher Freiheiten führen können.
Rodriguez zeichnet das postrevolutionäre Kuba in einem kühnen Stil, der an Lynd Ward, Käthe Kollwitz oder manchmal sogar – ironischerweise – an die grafische Kraft der sowjetischen Propaganda erinnert. Seine Seitenlayouts fliessen wunderschön und verlangsamen oder beschleunigen das Lesetempo, um es den jeweiligen Emotionen anzupassen. Die Linienführung ist dick, emotional aufgeladen und gemahnt an die von Castros Regierung auferlegten schwarz-weissen Moralvorstellungen. «Wir lebten in einem Land, das von der Welt abgeschnitten war», schreibt Rodriguez, «wie in einem Gefängnis auf einer Insel» – eine Aussage, die im Mittelpunkt der visuellen und emotionalen Schwerkraft des Buches steht.
Worm ist eine eindrucksvolle Familienchronik über das Aufwachsen in einem System, in dem der Staat versucht, die Familie zu ersetzen. «[Kinder] wurden von der Revolution erzogen, von Castros Entscheidungen darüber, was gut für sie war, und nicht von dem, was ihre Familien wollten.» Das Ergebnis sind Generationen, die zu Gehorsam und Angst erzogen wurden. Die Rationierung führte zu Hunger, die Ideologie zu Verfolgung. Die Flucht von Rodriguez‘ Familie während der sogenannten Mariel-Bootsflucht, 1980 – nachdem sie von Castro-Anhänger*innen geschlagen und als «Würmer» (gusanos) bezeichnet wurden, weil sie sich für ein anderes Leben entschieden hatten – wird mit packender Unmittelbarkeit dargestellt, ein jedes Bild voller Gefahr und Verzweiflung.
Rodriguez erzählt auch von seiner Rückkehr nach Kuba, 14 Jahre nach seiner Flucht, wo er alles andere als das vom Sozialismus versprochene Paradies vorfindet, nämlich nur Verfall, Mangel und Verzweiflung: «Die grosse Lüge», wie er es nennt. Seine Perspektive als nunmehr amerikanischer Staatsbürger, der aus einem Land, das von seinen eigenen Herausforderungen und Widersprüchen geprägt ist, auf die Revolution zurückblickt, verleiht Worm eine kraftvolle Doppelperspektive, die sowohl Anklage als auch Klage ist.
Worm ist nicht nur eine der besten Comic-Memoiren, die ich je gelesen habe – durchaus vergleichbar mit Art Spiegelmans Maus oder Marjane Satrapis Persepolis –, sondern auch eine Geschichte über Macht, Politik und die menschlichen Kosten einer ungezügelten Ideologie. Revolutionen mögen mit gerechtem Zorn beginnen, aber sie enden leider oft damit, dass Stimmen wie die von Rodriguez zum Schweigen gebracht werden. «Du sagst, du willst eine Revolution?» – Überleg dir gut, was du dir wünschst!

– Mark Nevins

Edel Rodriguez «Worm: A Cuban American Odyssey»
Metropolitan Books, 2023,
in englischer Sprache, 304 S.,
Hardcover, farbig, USD 30

Zeichnungen: Tim Iso Wey

Biografien

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Marlena Synchyshyn
Sie ist eine Künstlerin aus dem Vereinigten Königreich.
mrdroplet.co.uk
@mr_droplet


Joakim Drescher
(*1986) Ist ein dänischer bildender Künstler, Grafiker und Schriftsteller, der für seinen unverwechselbaren Erzählstil und seine lebendigen Illustrationen bekannt ist. Der Sohn zweier Künstler*innen verbrachte seine Kindheit in Indonesien, Neuseeland, China, den Niederlanden und den USA, bevor er sich 2015 in Kopenhagen niederliess. Drescher erwarb seinen Bachelor of Arts an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Bekannt wurde er mit seiner Serie «Motel Universe», einer Sammlung von Graphic Novels, die in einer dystopischen, hedonistischen Galaxie spielen. Die Serie wurde von Secret Acres in New York und Terry Bleu in Amsterdam veröffentlicht, wobei der dritte Band 2023 erschien.
@joakimdrescher


Līva Kandevica
Sie wurde in Lettland geboren und lebt und arbeitet derzeit in Berlin. Sie arbeitet hauptsächlich mit Acrylfarben in erdigen, abgedämpften Tönen und beschäftigt sich mit alltäglichen Figuren und surrealen Erzählungen. Ihre Arbeiten wurden international veröffentlicht, unter anderem in kuš!, DUMMY Magazine, Nieves und Wobby Magazine. Im Jahr 2023 erschien ihr Buch «The Limerence» bei Colorama. Sie ist ausserdem Mitglied des Künstlerkollektivs Fanart, das regelmässig ein gleichnamiges Zine veröffentlicht.
livakandevica.com
@livuxx


Alice Britschgi
(*1992) Ist Journalistin und lebt in Zürich. Sie schreibt vor allem für den Gesellschaftsteil des «Tages-Anzeigers». Davor arbeitete sie in der Gastronomie, im Museum, in einer Werbeagentur als Texterin, bei einer Augenärztin und in einem Küchenladen. Sie studierte Germanistik und Evolutionäre Linguistik in Zürich, Helsinki und Berlin und ein Jahr Fotografie an der Kunsthochschule in Luzern. Vor Kurzem schloss sie zudem die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern ab.
www.alicebritschgi.ch
@aliceinbutter


Varya Yakovleva
ist eine russische Künstlerin und Animatorin, die derzeit im Exil in Frankreich lebt. Als Mitglied von L’atelier des artistes en exil wurden ihre Kunstwerke in 9 Einzelausstellungen und über 60 Gruppenausstellungen gezeigt. Ihre Animationsfilme «Anna Cat and Mouse» (2019), «Life is a Bitch» (2020) und «Oneluv» (2022), gewannen unzählige internationale Auszeichnungen. Seit 2018 unterrichtet sie Kunst, erst als Dozentin an der British Higher School of Art and Design (Moskau), seit ihrem Exil als Projektkuratorin an der Fakultät für Design und Kunst der Freien Universität Bozen (Bozen, Italien). Als ehemalige Bewohnerin von La Maison des Auteurs (Cité internationale de la bande dessinée et de l’image, Angoulême) hat sie mit Eidola Éditions, Les Mains Sales und mehreren unabhängigen Kleinstverlagen zusammengearbeitet.
@varya__yakovleva


Daniel Lima
(*1971) Ist ein portugiesischer Illustrator und Comic-Zeichner. Er studierte Bildende Kunst an der Schule für Kunst und
Design in Caldas da Rainha, Portugal. Als Freiberufler arbeitete er unter anderem mit Zeitungen und Zeitschriften wie Independente (PT), Público (PT), The Lifted Brow (AU), Le Monde Diplomatique (DE) und The New Yorker (US) zusammen. Einige seiner Comics wurden in Anthologien wie «š!» (LV), Kuti (FI) oder Smoke Signal (USA) veröffentlicht. Sein letztes Buch «Anguesângue» ist bei «kuš!» (LV) und «Chili Com Carne»(PT) erschienen. Er unterrichtet Illustration und ist Mitkoordinator der Abteilung für Illustration/Comics am Ar.Co – Zentrum für Kunst und visuelle Kommunikation in Lissabon.
www.daniellima-dl.tumblr.com


Lorik Visoka
(*1988) Geboren in Pristina, mag die Alpen, aber nicht ihre stille und andauernde Selbstbezogenheit.


Roope Eronen
Ist ein finnischer Comic-Zeichner und Zeitreisender, der seit Ende der 80er-Jahre Comics veröffentlicht. Er ist eines der Gründungsmitglieder des Kutikuti-Kollektivs. Roope hat Monografien in Finnland, Frankreich, Lettland, Grossbritannien und Belgien veröffentlicht. Derzeit arbeitet er an einem Comic-Projekt für Kinder. Ausserdem beschäftigt er sich mit experimenteller Musik, unterrichtet Kinder im Zeichnen von Comics und braut Bier.
kalmakumpu.fi
@erosroope


David Jäger
Er hat nach einem Kunststudium in Luzern Philosophie und Theologie in Basel studiert. Heute arbeitet er als Pfarrer in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Stäfa-Hombrechtikon – zumindest offiziell. In seiner Arbeit tastet er sich vorsichtig an die Grenzbereiche von Wut, Zerstörung und Selbstreflexion heran, ohne zu behaupten, dort Antworten zu finden. Jäger ist verheiratet mit einer Modedesignerin und Vater von zwei Kindern im Gymnasialalter. Sein Denken schwankt zwischen nüchterner Analyse, leiser Verzweiflung und dem Versuch, Momente zu erkennen, in denen Glaube und menschliches Handeln vielleicht doch etwas verändern könnten – oder auch nicht.


Jules Spinatsch
(*1964) Gehört zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Generation, mit Gruppen- und Einzelausstellungen unter anderem im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Modern in London, im San Francisco Museum of Modern Art, im Fotomuseum Winterthur und im Kunsthaus Zürich. Werke Spinatschs befinden sich in bedeutenden internationalen Sammlungen.
Seine Monografien «Temporary Discomfort», «Vienna MMIX», «Snow Management – Complex» oder «Davos is a Verb», gehören zu den gewichtigen Fotografie-Publikationen der letzten Jahre. Jules Spinatsch erhielt 2004 und 2014 den Swiss Art Award.
www.jules-spinatsch.ch
@jules.spinatsch


Open Call: Roman Klug
(*1970) Ist Lehrer für visuelle Bildung und zertifizierter Erwachsenenbildner. Er hat einen Kurs für Management von Museen, Ausstellungen und Kunstprojekten absolviert. Während seines Architekturstudiums begann er, als bildender Künstler zu arbeiten. Seit 1998 ist Klug als Grafikdesigner tätig. Seit 2000 ist er an der Universität Graz beschäftigt. Seine Lehr- und Vortragstätigkeit umfasst die Themen Kunst, Grafik, Grafikdesign, Medien, Medienkultur, Mediendesign, visuelle Kommunikation und visuelle Kompetenz. Er versetzt sich in einen aussergewöhnlichen Zustand, um mit seinen freien und unbewussten Assoziationen zu arbeiten – mit Atemübungen, ohne Einfluss von Drogen. Klug sagt: «Eigentlich sind meine Werke psychische Anagramme». Seit mehr als 12 Jahren arbeitet er noch immer an seinem Meisterwerk, einer Graphic Novel mit dem Titel «Vogelglück».


Tim Iso Wey
(*1993) Lebt und arbeitet in Zürich. Ausbildung als Grafiker. Zeichnet heute vor allem impulsiv und selbsttherapeutisch. Oft im Proberaum oder auf kleinen bis grösseren Bühnen als Schlagzeuger anzutreffen.
@timisowey


Katharina Kulenkampff
Sie Lebt und arbeitet in Berlin. Gerade ist ihr erster Comic «Wie ich ein grauer Hund wurde» bei Rotopol erschienen.
kulenkampff.xyz
@katharinakulenkampff


Sandra Künzi
Lebt und arbeitet in Bern. Sie gehört zur ersten Generation des Schweizer Poetry Slams. Heute schreibt sie für Bühne, Radio und Papier. 2013 erschien ihr erstes Buch «Mikronowellen», 2014 erhielt sie die Auszeichung Weiterschreiben der Stadt Bern und 2017 ein Schreibstipendium des Kantons Bern für «Die Hülle», welche 2021 erschien. Eine satirische Erzählung Über die Diskussion rund um die «Burka-Initiative». Künzis Texte begeistern durch Direktheit und Präzision. Ihre Bühnenperformance ist nachhaltig. Künzi ist Mitbegründerin des Berner Lesefestes Aprillen (seit 2014) und Teil des Duos Künzi&Frei (Drogen im Advent). Im Übrigen liebt sie Jassen, Schafe und Feuer.
sandrakuenzi.ch


Lukas Verstraete
(*1992) Geboren in Belgien, füllt er seine grafische Welt mit nachdenklichen Verlierern, grotesken Frauen, zweifelhaften Rittern und elenden Verrückten. Seine Arbeiten triefen vor Schweiss, Zweifel, Naivität, Schmutz, Stereotypen und einem Hauch von Zärtlichkeit. Er kratzt an der grossen Frage: Was bedeutet das alles? Seine Zeichnungen sind in HUMO, The New York Times, Stripburger, Wobby, Aline und Le Monde Diplomatique erschienen. 2013 gewann er den Best Script Award bei Fumetto. Sein Debüt «Een Boek Waarmee Men Vrienden Maakt» (Bries, 2017) wurde in Frankreich (Éditions Même Pas Mal) und den USA (Fantagraphics) übersetzt. Seit 2018 unterrichtet er an der LUCA in Brüssel und Gent.
lukasverstraete.com
@lukasverstraete


Tabea Steiner
Sie ist Literaturvermittlerin, organisiert Festivals und Literaturveranstaltungen, arbeitete in Literatur-Jurys und unterrichtet literarisches Schreiben am Studiengang illustration fiction an der HSLU. Ihr erster Roman «Balg» wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im Frühjahr 2023 kam der zweite Roman «Immer zwei und zwei» heraus, und ihre Essays kamen 2022 unter dem Titel «Provinces» in englischer Übersetzung heraus und erschienen im Herbst 2024 auf Deutsch unter dem Titel «Heidi kann brauchen, was sie gelernt hat». 2025 ist sie Stipendiatin im Herrenhaus Edenkoben und arbeitet als Artist in Residence der Stiftung Landis & Gyr in Sofia.
tabeasteiner.ch
@tabea_steiner_


Zsófia Rumi
(*1991) Geboren in Kecskemét, Ungarn. Sie ist Grafikerin, Illustratorin und gelegentlich auch Puppenspielerin und Gärtnerin. Zusammen mit ihrem Partner Árpád Szigeti betreibt sie in Budapest die Hurrikan Press, eine kleine Risodruckerei. Rumi ist ausserdem langjähriges Mitglied des Organisationsteams des in Budapest ansässigen DIY-Zine-Events Ukmukfukk Zinefeszt und arbeitet im Sommer als Puppenspielerin am Bread and Puppet Theater in Glover, Vermont. Ihre Arbeit ist weitgehend inspiriert von ihrer Kindheit im Theater, der osteuropäischen Illustration der 70er-Jahre und dem Zeichnen mit ihren Freunden. Sie liebt alle Formen des Live-Storytelling, die Standbilder beinhalten: Crankies, Bänkelgesang, Comic-Lesungen und vieles mehr!
@rumizsofi
@hurrikanpress 


Paul Poser
(*2003) Studiert Philosophie und Politikwissenschaften an der Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg und ist studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte sowie am Lehrstuhl für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Educational Governance und Educational Change.


Patrick Spät
(*1982) Lebt als freier Buchautor und Comics-Zenarist in Berlin. 2019 erschien in Zusammenarbeit mit der Zeichnerin Bea Davies «Der König der Vagabunden» beim avant-verlag. Zusammen mit der Zeichnerin Sheree Domingo veröffentlichte er 2022 «Madame Choi und die Monster» bei der Edition Moderne. Seine Comics wurden u.a. ins Französische, Englische und Koreanische übersetzt. Derzeit arbeitet er zusammen mit Sheree Domingo an seinem nächsten Comic «Beluga».
literaturport.de/patrick.spaet
@patrick.spaet


Alex Treskman
(*2001) Die in Helsinki geborene finnisch-schweizerische Künstlerin hat 2025 das Drawing Year an der Royal Drawing School in London absolviert. Davor hat sie zwei Jahre lang an der HSLU Illustration studiert, sie plant, das Studium spätestens 2027 abzuschliessen.
@alex_treskman


Anatole Fleck
(*1991) Lebt, liebt und hadert in Zürich.