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No:145

EDITORIAL

MUT, TRÄNEN, REBELLION

«EGAL! Dann trinken wir! Und rauchen! Und stürzen das Patriarchat!» Dieses Zitat stammt aus Mia Oberländers Comic über die Zürcher Modedesignerin Ursula Rodel, die ab den 70er-Jahren die Schweizer Modewelt revolutionierte. Was haben wir doch alles unseren mutigen Vorgänger*innen zu verdanken! Denen, die sich hinauslehnten, laut waren, Platz einnahmen, ihre Rechte einforderten, einsteckten, gegen Wände rannten, kleingemacht wurden, sich zusammenrauften, gesellschaftliche Norm- und Moralvorstellungen umzukrempeln versuchten, unermüdlich demonstrierten, feierten, stritten, zivilen Ungehorsam ausübten. Erst am 7. Februar 1971 stimmten die Schweizer Männer an den Urnen der Verfassungsänderung zu, dass künftig alle Schweizer*innen die gleichen politischen Rechte wie sie haben sollen (65,7 % Ja zu 34,2 % Nein). Im Kanton Appenzell dauerte es bekanntlich noch ein bisschen länger, im Kanton Appenzell Innerhoden bedurfte es gar eines Bundesgerichtsentscheids, damit Frauen 1991 (!) zum ersten Mal auch kantonal abstimmen konnten.

Und heute? Ja, vieles liegt noch immer im Argen. Aber an dieser Stelle wollen wir all jene feiern, die sich einsetzen und mobilisieren für die Gleichstellung aller Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, für Klimaschutz, Klimagerechtigkeit und die Rechte von Tieren.
Allen voran die Künstler*innen, die exklusiv für diese STRAPAZIN-Ausgabe einen Beitrag gezeichnet haben. Sie alle leisten Widerstand mit ihrer Arbeit und erfüllen wichtige politische und Care-Arbeit. Setzen sich ein für die Anliegen von People of Color bzw. LGBTIQA*, für Disability Mainstreaming und ganz allgemein für den Schutz unserer Erde.
Bei Anaïs Sière wird um die der Revolution zum Opfer gefallenen Tränen gerungen, Anna ­Albisetti widmet ihre Geschichte den wiedergewonnenen Sonnenstrahlen auf der Josefwiese in Zürich, Claudio Näf versucht den noch viel zu angepassten Rahmen des zivilen Ungehorsams zu sprengen, bei Fanny Vaucher werden die Herrschenden dieser Welt mittels fiesem Sekundenkleber zu Fall gebracht, Mia Oberländer bringt uns die geniale Ursula Rodel näher und schildert, was es braucht, um ein Imperium zu errichten (und das Patriarchat zu stürzen), nämlich Mut, Kraft, Durchhaltevermögen und ein geiles Outfit! Weiter erzählt uns Nacha Vollenweider von den mutigen Frauen Argentiniens, die sich wehren gegen die strukturelle Gewalt gegen FLINT (Frauen*, Inter*, non-binary* und Trans*Menschen), die 2020 mit ihren Protesten — und gegen den Willen katholisch-konservativer Kreise — ein Gesetz durchbrachten, das sichere und ­kostenlose ­Abtreibungen garantiert.
Auch die inzwischen internationale feministische Bewegung Ni Una Menos (Nicht Eine Weniger) gegen Gewalt und Femizid hat ihren Ursprung in Argentinien. In Zürich hat am 21. August 2019 das feministische Streikkollektiv den Helvetiaplatz in Ni-Una-Menos-Platz umbenannt, seit diesem Tag wird dort nach jedem neuen Femizid in der Schweiz eine Protestkundgebung abgehalten — was leider fast alle zwei Wochen der Fall ist.
Nygel Panasco beglückt uns sowohl mit einer wilden Sci-Fi-Abenteuergeschichte über zivilen Ungehorsam auf einem fernen Planeten als auch mit dem wunderbaren Umschlag dieser Ausgabe; bei Roland Burkart pfeifen bereits die Kleinsten auf Geschlechterrollen und üben, wie man demonstriert; Sabian Baumann führt uns das Potenzial von Zeichnen als Widerstand vor: bestehende Bilder ausradieren, überzeichnen, neu zeichnen. Und last, but not least haben wir die Ehre, dass the one and only Anna Rosenwasser einen Text für diese Ausgabe geschrieben hat, den Sie, liebe Leser*innen, selbstverständlich lesen und Anna anschliessend unbedingt auf Instagram (@annarosenwasser) folgen und/oder ihren Newsletter abonnieren sollten (annarosenwasser.ch).

So viel von uns. Viel Freude und Anregung bei der Lektüre!

LOVE
Talaya & Milva & Lika
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PS
Mit «Frau» sprechen wir alle Personen an, die sich als solche definieren, unabhängig vom sogenannten biologischen Geschlecht.
PPS
Spezialtipp an unsere männliche Leserschaft: Schliesst euch den feministen.ch an!
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Protest mit wenig an

Anna Rosenwasser

 

PFLICHT LEKTüRE


M.Heinigk, A.Herden, J.Engelmann, J.Hoffmann:
«Nächstes Jahr in. Comics und Episoden des jüdischen Lebens»

Maximilian Hillerzeder: «Poison Paradise»

Max Baitinger, «Sibylla»

Thomas Ott: «Der Wald»

 


Patrick Bonato: «Toubab im Senegal»

Mia Oberländer: «Anna»

Helge Reumann: «Totale Résistance»

James Romberger, «Post York»

 


Noyau: «Au Suivant»

Valentina Grande, Eva Rossetti, «Frauen, die die Kunst revolutioniert haben»

Brecht Evens, «The City of Belgium»

Lukas Kummer: «Die Ursache», «Der Keller», «Der Atem»

 


Nora Krug, Timothy Snyder, «Über Tyrannei»

Mahmoud Benamar, Soumeya Ouarezki, «Fatma au parapluie»

 

Kurz und Gut

Von Christian Meyer-Pröpstl

 

Biografien

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